21.11.

Meine Therapeutin hat mir geholfen, meinen Kopf aufzuräumen. Alle wilden Träume sind entwirrt und heute Nacht nicht zurückgekommen. Ich fühle mich trotzdem müde und irgendwie aufgebraucht, als müsste ich mich erstmal wieder auffüllen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und in der Wohnung nebenan hat eine Frau telefoniert. Ich weiß nicht, warum eine Frau in dieser Wohnung sein soll, die ein Mann gemietet hat und in der ich seit Februar immer nur Männer gesehen oder gehört habe, aber da ist sie und redet laut mit irgendwem am Telefon, und ich freu mich, dass sie da ist, aber später bin ich nicht sicher, ob ich sie nur geträumt habe.

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Mist

Zur Probe reagiere ich auf den Geräuschpegel von nebenan mit eigenem Lärm und höre laut Nina Simone bei offener Balkontür. Leider habe ich dabei ein schlechtes Gewissen, im Gegensatz zu meinen Nachbarn. Also doch Ohropax.

Teufel oder Beelzebub

Habe die Wahl: will ich wegen der Hitze nicht schlafen (Balkontür zu) oder wegen der Geräusche und Gerüche meiner Nachbarn (Balkontür auf)?

 

Hab ich ein Recht, denen zu sagen, dass sie leiser sein sollen? Dass sie die Balkontür zumachen und in der Wärme sitzen sollen, damit ich es leise hab? Dass sie sich woanders treffen sollen, wenn sie nicht leise reden können? Ich muss doch auch schlafen können.

Zuhause

Meinem einzigen netten Nachbarn erzähle ich, dass ich mir ein bisschen Sorgen mache, wer als Nachmieter in seine Wohnung kommt, weil schon ein paar obskure Gestalten im Haus leben.

Zieh doch auch aus, sagt er, und such dir ne schönere Wohnung.

Was!, denke ich, ich habe noch nie einen Ort so geliebt wie diese kleine Wohnung, nirgends sonst ist die Welt so heil, nirgends bin ich je so zur Ruhe gekommen – und schön, bittesehr, ist meine Wohnung außerdem, sie ist klein, sie ist schräg, aber ich hab sie eingerichtet, und was ich einrichte, ist schön, jedes Mal. Merk dir das, junger Mann.

Das ist ja leicht!

Letztens komme ich heim und begegne meinem Nachbarn, den ich lange nicht gesehen habe, und nach ein bisschen Smalltalk will er wissen, ob ich jetzt einen Freund habe. Nein, sage ich, wahrheitsgemäß. – Warum nicht?, fragt er. Als würde man sich beim Einkaufen einfach einen neuen Freund aus dem Kühlregal mitnehmen, wenn der letzte aufgebraucht ist.

Und gestern habe ich meinen neuesten Nachbarn kennengelernt. Wir sehen uns zum ersten Mal und unterhalten uns ein bisschen, dann möchte er, nach dreiminütiger Bekanntschaft, wissen, ob ich verheiratet bin. Nein, sage ich, wahrheitsgemäß. – Fahren wir zusammen nach Marokko?, fragt er. Als könnte er mich beim Einkaufen einfach aus dem Kühlregal mitnehmen.

 

Fun fact: es wird eine weitere Wohnung frei im Haus. Bitte lass eine Frau einziehen.

Nachbarschaft

Ich glaube, ich mag meinen Nachbarn nur nicht, weil er neben mir wohnt. Wenn er woanders laut wäre, wäre mir das egal und ich fände ihn sicherlich einen sehr netten älteren Herrn. So aber weiß ich, was sein Handy-Klingelton ist, dass er Videospiele mag, Stille ohne laufenden Fernseher nicht erträgt und sehr gesellig ist. Und wie laut seine Freunde reden. Und wann sie sich am liebsten treffen (zwischen zehn und zwei Uhr nachts).

Der alleingelassene Hund jault immer noch: ich hoffe, dass das nicht eine dieser Geschichten ist, in der eine verstorbene Person erst Wochen später in ihrer Wohnung gefunden wird, außerdem mache ich mir langsam Sorgen um den Hund. Er klingt klein und verzweifelt.

Die Familie gegenüber hat dauerhaft das Fenster verhängt, das direkt gegenüber von meinem Balkon liegt. Soll ich nicht gucken oder wollen die mich nicht sehen?

Die Familie unter mir dagegen findet, der oberste Treppenabsatz (der, den sie nicht benutzen müssen, aber die drei Parteien ganz oben) sei ein toller Ort, um ihre sperrigen Bäumchen zu überwintern. Nachdem ich mich monatelang an den dummen Dingern vorbeigequetscht habe, hängen sie einen Beschwerdebrief ins Treppenhaus, weil ihnen die Fahrräder im Eingangsbereich im Weg sind – ich bekomme sogar einen eigenen: „Hallo Nachbarin!“ Game on.

 

Mein Lieblingsnachbar ist die Motte, die in mein Badezimmer gezogen ist: seit ich sie einmal vor dem Ertrinken gerettet habe, hat sie begriffen, dass die Dusche nichts für sie ist, und wohnt jetzt meistens an der Wand rund um den Spiegel. Ich freu mich immer, wenn wir uns begegnen und bei einem Kaffee ein bisschen quatschen.