Netflix’n’chill

Mein aktueller Job ist vollkommen absurd und kommt mir höchst überflüssig vor, aber das kann mir ja egal sein. Ich sitze im leeren Büro, trinke Kaffee und gurke durchs Internet, wenn ich nicht lesend auf der sonnigen Fensterbank sitze. Das hab ich mir entspannt vorgestellt, aber wenn man sieben Stunden am Tag mit sich selbst in einen Raum gesperrt ist, geht man sich irgendwann ganz schön auf die Nerven. Ich geh mir auf die Nerven! Lasst mich raus!

Aber heut ist auch noch Tanzen. Im Freien. Organisiert durch und mit Musik von meiner Nemesis. Davon wird’s bestimmt wieder gut.

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Hansine Dampf

Was ich schon alles für Geld gemacht habe:

Zeitungen ausgetragen, na klar, Motorenteile kontrolliert und verpackt, Preistafeln von Hand gemalt, eine Hubarbeitsbühne gefahren, Essen ausgegeben, mit Menschen mit Behinderung Geschirr abgewaschen und Böden gewischt, Architekten hinterhergeputzt, Hochzeitsgäste bewirtet (mehrfach), betrunkene Mitarbeiter einer Software-Firma bespaßt, Kinosäle geputzt, Popcorn und Tickets verkauft, Wahlscheine ausgegeben, Stimmen ausgezählt, in einer Kita Geschirr abgewaschen, ein Lehrbuch illustriert, das nie gedruckt wurde, gezeichnet, Würstchen gebraten, Autos eingewiesen, Sprachstudenten begleitet, im Büro einer Kieferorthopädin völlig sinnlos Briefvorlagen formatiert, in einem anderen Büro stapelweise Unterlagen ausgedruckt, den Relaunch einer Website mitbetreut, getextet, Gehaltsabrechnungen erstellt, Anrufe angenommen, mit Kindern gebastelt, tausende von Schuhpaaren in Reihen aufgestellt, Wäschesäcke geschleppt – und Umzugskisten, Bücher gescannt, Literaturlisten erstellt, einen Hund gehütet, Mathe erklärt, Getränke verkauft, nach Diktat getippt, Briefe eingetütet, Marktstände mitbetreut, in einem Café zum schlechtesten Service der Stadt beigetragen, Garderoben besetzt, auf einer Messe Eintritt kassiert, Tagungen mitorganisiert, geputzt in einer Privatwohnung, hab ich was vergessen? – und gerade sitze ich als Aushilfssekretärin in einem Büro und beantworte brav das Telefon, um zu sagen, dass das Büro eigentlich im Urlaub ist.

Und was soll ich werden?

 

 

 

Beschwerliches Leben

Ich stehe im Kino hinter der Popcorntheke. Eine Frau, die mit jeder Bewegung zeigt, dass das alles (egal, was) eine Zumutung ist, guckt resigniert über den Tresen.
Haben Sie Wasser nur in so riesigen Flaschen? – Ja, tut mir leid, sage ich lächelnd.
Sie seufzt und murmelt kopfschüttelnd vor sich hin, um zu zeigen, dass ihr ein großes Opfer abverlangt wird: Ja dann, geben Sie mir halt so eins.
Gerne, lüge ich und lächle immer noch. Zweifünfzig, bitte.
Sie schaut mich zum ersten Mal richtig an, mit dramatisch verlorener Fassung: Zwei Euro fünfzig?! Dafür kriege sie anderswo einen ganzen Kasten. Unverschämtheit!
Dann bring dir halt deinen Scheißkasten selber mit, sage ich. Natürlich nicht laut, wegen dem Chef und weil man sowas nicht sagt.
Unter Kopfschütteln, Murmeln und allen weiteren zu Gebote stehenden Bekundungen des ihr widerfahrenden Unrechts bezahlt sie und geht grußlos ab. Die wollte nichts kaufen, die wollte bestimmt nichtmal ins Kino, die wollte sich einfach nur beschweren und beschwert damit sich und allen den ganzen Tag.

Puh.

Gleich geh ich probearbeiten im Kino. Im coolen Kino, immerhin, dem Arthaus-Kino, und die Leute da sind nett, und das Publikum ist nett, es piekst mich ein bisschen, dass das auch nur ein oller Studentenjob ist, aber was soll’s. Drei Schichten die Woche, die Tanzkurse und Unabhängigkeit und eine Sorge weniger bedeuten werden, das wäre schön, das ist die sachliche Seite, die nicht-sachliche geht so:
Arbeit, das ist mit Menschen, mit fremden Menschen, mit fremden Kollegen und Sachen, die ich noch nicht kenn, was da alles passieren kann! Ich bin aufgeregt. Ich darf dann kostenlos ins Kino gehen. Ich bin aufgeregt. Mein Bauch tut weh. Was soll ich anziehen? Ich bin aufgeregt!