Das hätte ich schon lange können sollen

Er hat am Badesee mein Fahrrad bewundert, das ich selbst lackiert habe, und mich nach meiner Nummer und einem Treffen gefragt. Weil ich ihn spleenig, aber nett fand, hänge ich jetzt in seiner Wohnung rum, er erledigt noch was in der Küche, dann setzt er sich zu mir und fängt an, mich zu streicheln.

Whoah!, denke ich, Zu nah! Aber ich sage nichts, weil ich denke, vielleicht bin ich ja nur zu verklemmt, und eigentlich fühlt es sich ja auch nicht so schlimm an –

Es dauert einige unangenehme Minuten, bis ich mir klar gemacht habe, dass ich nicht auf sein Wohlbefinden achten sollte, sondern auf meines, und dass „es fühlt sich nicht so schlimm an“ meilenweit entfernt ist von „das will ich“, und ich, noch immer mit schlechtem Gewissen wegen der Zurückweisung, sagen kann: Das ist mir zu nah.

Oh, sagt er, das wollte ich nicht. – Ich weiß, antworte ich. Aber das Gefühl geht nicht weg, dieses defensive Misstrauen, die Erwartung, dass er mir wieder zu nahe kommen wird, weil er nicht versteht, dass die Bereitschaft zu einem Kennenlernen keine anderen Bereitschaften mit einschließen muss.

Und natürlich bleibt er touchy, und wieder brauche ich viel zu lange, um zu begreifen, dass ich nicht verklemmt, verschlossen, prüde, langweilig, verkopft, unentspannt oder sonstwie verkehrt bin, wenn ich mich dabei nicht wohl fühle, sondern dass er, absichtlich oder nicht, einfach laufend meine Grenzen überschreitet.*

Und endlich sage ich: Ich muss jetzt gehen, und fühle mich immer noch ein bisschen schuld daran, dass ich mich nicht wohlfühle. – Aber wenn du jetzt gehst, gehst du für immer, sagt er und klingt traurig. Ja, aber hallo geh ich für immer!, denke ich, sage: Wahrscheinlich schon, und – gehe. Für immer.

Draußen auf der Straße denke ich, dass ich gerade zum ersten Mal meine Grenzen, mein Wohlbefinden, meine Bedürfnisse: mich in so einer Situation gegen jemanden verteidigt habe, statt mich preiszugeben in der Annahme, ich müsse mich doch eigentlich wohlfühlen und jede Zurückweisung sei egoistisch und vorschnell.

Und es wäre auch nicht egoistisch und vorschnell gewesen, meine Nummer am Badesee nicht rauszurücken, nur weil mein Bauch schon befürchtet hatte, dass ein Treffen ziemlich genau so ablaufen würde. Mein Bauch ist klüger als ich, weil er es niemandem recht machen will. Woher kommt diese Vorstellung, es müsse vor allem meinem Gegenüber mit mir gut gehen?

 

 

 

* Dass es ungeheuer angebracht ist, sich deswegen unwohl zu fühlen, wird mir auch erst jetzt, fünf Stunden später, klar.

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Dicht an dicht

Du sagst: Eine Pause ist, was ich brauche; aber leise füllen sich deine Tage, die Dinge rieseln hinein wie von selbst, und du hast solche Angst, dass das Leben dich vergisst, wenn du es einmal abgewiesen hast.