Der Ernst des Lebens

Wie soll ich leben?

Was bedeutet es, dass ich am letzten Vollzeitjob gescheitert bin?
Ich habe eine 50-Prozent-Stelle angenommen, von der ich weiß, dass sie nicht ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Schulden abzubezahlen und auch noch was zur Seite zu legen.
Ich weiß nicht, wie ich für mich selbst sorgen soll. Kann ich das? Krieg ich Wohngeld? Bin ich arm, wenn ich alt bin?

Ist das der Punkt, an dem meine Mutter – nach ihrem ebenfalls abgebrochenen Studium ungeplant schwanger – entschieden hat, mit meinem Vater zusammenzuziehen, zuhause zu bleiben und diese eine Sorge um ihre Zukunft los zu sein? Bin ich eine Wiederholung ihres Lebenslaufes, nur dass ich nicht schwanger bin und mir deshalb doch überlegen muss, wie ich selbst für meine Brötchen sorge?
Wo sollen die blöden Brötchen denn jetzt herkommen?

Ungefähr jeder findet die Idee gut, dass ich in eine psychosomatische Klinik gehe. Ich finde die Idee nicht gut, auch wenn ich keine Sachargumente dagegen habe außer dem Wunsch, ein Leben zu leben wie ein ganz normaler Mensch.
Mit einem Einkommen von 1250 Euro brutto wäre ich allerdings wohl kein normaler, sondern ein armer Mensch.

Ich weiß nicht, was richtig und sinnvoll ist. Ich bin kein ordentliches Zahnrad geworden und niemand sagt mir, wo ich sonst hinpasse, wenn ich immerzu aus der großen Maschine springe.

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27.07.

Ich rufe in der Klinik an und sage, dass es mir besser geht und ich doch nicht kommen will. Das muss klingen wie ein kleines Kind, das seinen Eltern verkündet, es komme ab jetzt alleine klar.

Wollen Sie nicht lieber auf unserer Warteliste bleiben?, fragt die Frau am Telefon. Vielleicht geht es Ihnen in zwei Wochen ja wieder schlecht.
Erlauben Sie mal!, empöre ich mich, aber nur innerlich, und sage brav: Ja, das klingt sinnvoll.

Meine Therapeutin ist mir schon auf die Schliche gekommen: der Wunsch zu beweisen, dass ich echt in keine Klinik muss, ist gerade der größte Motivator von allen.