Fülle

Ich fahr an die Uni zum Kolloquium in meinem großen grünen Männerarmeewollpullover, der mich warm hält und vor Kunsthistorikerinnen und sonstigen Unbilden beschützt. Die Tür zum Seminarraum ist noch offen, was bedeutet, dass ich erstaunlicherweise nicht zu spät bin, und das beflügelt mich so, dass ich laut „Hallo!“ in den Raum rufe. Dafür ernte ich Seitenblicke, aber keine Antwort, weil Kunsthistorikerinnen noch nie die nettesten Menschen an der Uni gewesen sind.
Ihr könnt mich doch, denke ich und setze mich und es wird gar nicht mal so furchtbar, wir reden über eine Künstlerin aus der Sammlung Prinzhorn (da sind Bilder von Psychiatriepatienten drin) und ich mache einen Wortbeitrag wie eine brave Studentin und danach geh ich spontan in die Sprechstunde meiner Betreuerin und erzähle ihr, worüber ich schreiben möchte, und sie findet es toll, und dann will ich eigentlich noch in die Bibliothek und ein bisschen arbeiten, aber das Kolloquium strengt mich immer wahnsinnig an und ich lass es gut sein und fahre nach Hause.

Zwischendurch hol ich noch zwei entwickelte Filme ab. Ich bin zufrieden mit den Bildern und mit meinem Tagwerk.

Und schreiben möchte ich über Anne Blunt, die mit ihrem Mann durch den Nahen Osten gereist ist und darüber geschrieben und gezeichnet hat. Auf dem Frontispiz ihres einen Reiseberichts ist sie in arabischer Tracht neben einem Pferd zu sehen, allein in der Wüste. Sie schaut in die Ferne und sieht zart und stark zugleich aus.

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31.07.

Ich träume in letzter Zeit dauernd vom Reisen. Irgendwas ist daran immer kompliziert oder geht gleich ganz schief, ein verschwundenes Flugticket, ein Missverständnis mit dem Fernbusfahrer, und im Fernbus sind alle Sitze falschrum und zeigen gegen die Fahrtrichtung. Und: es ist immer der Rückweg, von dem ich träume. Wo war ich denn und wo soll ich jetzt ankommen?

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15.07.

Ich fahr nach Paris, heute Nacht, für fünf Tage. Sehr viel mehr kann ich nicht schreiben, weil ich vor dem Verreisen immer absurd nervös bin. Ich bin verabredet mit einem Bekannten aus einem portugiesischen Hostel und mit Delacroix im Louvre.

Mein Tanzpartner geht dreimal die Woche mit mir zum Lindy Hop und nebenher unternehmen wir noch mehr, aber in meiner großen Befähigung zum Selbstzweifel glaub ich immer noch nicht dran, dass er das macht, weil er mich mögen könnte. Nichtmal, als er mir in einer WhatsApp-Nachricht gesteht, dass das Tanzen mit mir am meisten Spaß mache. (Ich gestehe das Gleiche zurück, weil es stimmt.)

Ich warte darauf, dass der Regen mir vor der Abfahrt das Blumengießen abnimmt, aber er mag nicht so recht.

Anmerkung

Deppen, die auf Reisen gehen, kommen halt als Deppen wieder. Als weitgereiste Deppen mit mehr Strandselfies, aber trotzdem. Okay, sie dürfen dann endlich mitreden, wenn es um die Gastfreundschaft fremder Kulturen geht, darum, wie warm und herzlich alle Menschen überall sind, wo nicht Zuhause ist – und man lernt ja so viel über sich selbst! Und man hat sich überhaupt erst selbst gefunden, da draußen! Denn in Deutschland kann man sich gar nicht selbst finden, wie denn auch, wenn in Südostasien die Menschen so viel einfacher leben! Der Hammer, wie wenig die haben brauchen! Und wenn man zurückkommt, darf man als echter Globetrotter außerdem lässig-selbstverständlich in jeden englischen Satz „you know, like, …“ einbauen. Cool!

Damit will ich sagen, dass man beim Reisen überhaupt nichts verstehen muss, wenn man nicht will. Und wer klug und offen und reflektiert genug ist, um in fremden Ländern was zu begreifen, der war auch vorher schon kein Depp. Also bleibt mir weg mit „Wirf alles hin und mach deine Weltreise. Jetzt!“, „Man sollte aber schon mal ein Jahr im Ausland gewesen sein“, woher will überhaupt irgendwer wissen, was ich sollte, aber ihr solltet alle mal die Klappe halten, ihr überheblichen verwöhnten kleinen Backpack-Kinder, Himmelherrgottnochmal.

 

(Das ist arg persönlich und verärgert und polemisch. Wir wissen das.)