Ein Morgen

Ich liege auf deinem Bett und habe noch keine Lust, meinen Tag anzufangen. Oben höre ich dich mit deiner Firma telefonieren, wir haben schon gefrühstückt, bis vor zwei Stunden haben wir hier gemeinsam gelegen und geschlafen, ich mehr, du weniger. Seit deine Schlaflosigkeit mich im Morgengrauen geweckt hat, habe ich den Wunsch, dich die ganze Zeit anzufassen und festzuhalten.

Ich weiß nicht, was wir sind oder werden, aber ich weiß, dass ich gern um dich bin. Ich weiß nicht, wie der Mann dazu passt, den ich am Wochenende treffe und auf den ich mich freue. Über dich freu ich mich auch. Es ist Sommer und ich habe wirklich frei.

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Gut

Bis über die Hüften steh ich im Wasser, das noch zu kalt ist, meine Hände liegen offen auf der blauen Oberfläche und ich mache mich bereit für den Moment, der gleich kommen wird, das kalte Wasser, das sich um meinen Körper schließt – und es ist wahrhaftig noch zu kalt, ich schwimme in raschen Zügen, um mich aufzuwärmen, aber bald muss ich aufgeben. Danach sitze ich in der Sonne und spüre meinen Körper, der sich schwer atmend von dem Schreck erholt, die Sonne auf der Haut spür ich und meine ganze lebendige Schwere, und wie ich langsam in mich zurück gleite, ist die Traurigkeit nicht mehr so groß. Du bist noch da, sagt der See, und der Himmel ist sehr blau.

Den Hund streicheln

… und genau hinfühlen: wo das Fell so fein ist, dass man die Körperwärme gleich spürt, und wo es kräftiger ist und sich beim Anfassen kühler anfühlt. Wie sich die verschiedenen Längen anfühlen: glatter/rauher, wo sich Farbe und Wuchsrichtung ändern, wie das Fell am Bauch ganz dünn wird, am Hals aber ganz dicht; wie Muskeln und Knochen unter der Haut durchsprechen, wie gar nichts Weiches, Überflüssiges an dem ganzen schmalen Hund ist, wie die Hand dem Auf und Ab des ausgestreckten Körpers folgt; wie der Atem geht und die Flanke hebt und senkt, und beobachten:
wie der Atem tiefer geht, wie sich das Auge weiter schließt, wie der Hund sich fallen lässt und bei welchen Berührungen der Augapfel weiter nach innen rollt: genießen; aber nie ganz, immer kommt der Hund zurück ins Wachen.
Spüren/sehen/hören, wie er seufzt und sich behaglich streckt und in diese Bewegung hineinstreicheln, dass er sich noch weiter dehnt und wieder entspannt.

Darüber werde ich selbst so ruhig, dass ich mich schließlich neben ihm rücklings auf dem Boden ausstrecke und die Augen schließe. Frieden.

Frieden

Aber am schönsten ist es, an die Stelle hinauszuschwimmen, wo der See am leersten ist, und mich auf den Rücken zu legen; dann schwebe ich in der Kühle, die Ohren verschlossen vom Wasser, und egal, wie viele Schwimmer Kinder Boote Bojen Hunde Bälle Musikboxen Mikrofone eben noch um mich herumgeschwirrt sind, jetzt ist alles, was ich höre: mein Organismus im Wasser, ich.
Wenn ich die Augen aufschlage, ist da nur leeres Blau; nichts ist geblieben von der Welt, ich bin herausgelöst aus allem, schwerelos, zeitlos, mein eigener Kosmos, das Wasser ist schon kein Wasser mehr und der Himmel nicht mehr Himmel, nur mich gibt es noch und das Schweben und mein Atmen, in mir ist es vollkommen und unvergleichlich still.

 

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