Fundus

Das hab ich vor zehn Jahren geschrieben und mag es immer noch – wenn ich mich richtig erinnere, wusste ich damals wirklich nicht, worum es darin gehen sollte, aber die Worte haben sich so gut angefühlt.

Etwas lief ihr im Dunkeln nach, so schnell wie sie, aber lauter, größer, füllte den Raum aus, den sie zum Atmen brauchte, ohne ihn schon erreicht zu haben, war aber nicht darauf bedacht, sie einzuholen, und als sie sich umdrehte und daran hinaufblicken wollte und da nichts war, konnte sie es brechen, zerbrechen, bis es stumm war, und neu zusammensetzen.

Einen Narren setzte sie zusammen, und er hatte ihre Augen. Wie heißt du, fragte sie, aber er sagte nichts, sondern blickte sie nur aus ihren eigenen Augen meertief an. Sein Gesicht, das weich war wie ihres, aber zerbrechlicher, gab auch keine Antwort, und sie fragte nicht wieder.

Er sagte, dass er nicht sprechen könne, und sie wunderte sich ein bisschen; er saß vor ihr auf der Erde, und seine Arme hingen schwach und reglos an ihm herab. Sie streckte die Hand aus und berührte seine Wange; er schloss die Augen, aber unter ihrer Hand fühlte sie nichts, das ihr neu wäre. Du bist ich, sagte sie erstaunt – er riss die Augen auf und sah sie an, und jetzt ging ein Sturm übers Meer. Nein, sagte er scharf. Ich bin, was du willst, aber du bin ich nicht. Ich nicht und niemand sonst auf der Welt. – Ich aber doch, warf sie schüchtern ein, aber er sagte nichts, und auch seine Augen waren wieder glatt und ruhig.

Sie drehte sich fort und machte ein paar Schritte in die Dunkelheit hinein, ahnte ihren Weg mehr, als sie ihn sah, drehte sich wieder um sich selbst und versuchte, ihn im Dunkeln auszumachen, aber er war verschwunden.

Man muss nach vorne sehen, sagte er neben ihr, sonst laufen die Dinge einem davon. Er nahm ihre Hand und zog sie mit sich; seine Berührung war vertraut und federleicht, sie spürte den warmen Druck seiner Finger und sein leises Ziehen an ihrer Hand. Die Sonne geht bald auf, sagte sie; er blieb stehen und seufzte, und dann sagte er leise – sie ahnte es mehr, als dass sie es hörte – Du wirst mich wohl jetzt nicht mehr brauchen.

Ja, sagte sie warm; und als die Nacht oben einen glühenden Sprung bekam und die Sonne heiß und golden durch den Spalt brach und ins Dunkel strömte, verschwand etwas hinter ihr in den letzten Schatten, wurde vom Tageslicht aufgeleckt und tanzte wie Herbstblätter durch die Luft, bevor es sich auflöste und verging.

Erstarren

Meine Wohnung, das Aufwachen, in einer Beziehung sein und mich nicht verschließen, mein Job, dieser Tag, der nächste Tag, die nächste Woche, ich:

unerträglich.

Ich will nur Frieden, einmal im Leben will ich Frieden.

 

Und an die, die das lesen und sich Sorgen machen: ihr habt kein Recht auf eure Sorgen. Ihr solltet wissen, dass ich da durchkommen werde, ihr solltet mir vertrauen und anerkennen, dass man manche Dinge so schonungslos sagen muss. Das macht sie lange nicht absolut, und das solltet ihr wissen.

Das Bild zum Beispiel.

Kristof Kintera, All my bad thoughts. Schwer anzuschauen, und vielleicht poste ich es aus Trotz, um die zu verunsichern, die sich verunsichern lassen durch diesen Blog. Grrrr.

(Ich kann dieses Kunstwerk auch nicht lange anschauen. Das finde ich cool dran, diese Grenzüberschreitung, die eigentlich nur ehrlich ist.)

Neustart

Ich habe über das Problem mit dem Mitlesen weiter nachgedacht und möchte bald irgendwo weiterschreiben, wo mich keiner kennt. Dafür muss mir nur noch ein Name für den neuen Blog einfallen. Vorschläge dürfen gemacht werden, und wer trotzdem gerne weiter mitlesen möchte, darf mir gerne schreiben, zum Beispiel hier in den Kommentaren.

 

imm013_14

Doch nicht

Und jetzt müsste ich eigentlich noch einen Beitrag über Du nachschieben, seit Tagen müsste ich den schon schreiben, weil Du mir so wichtig wird und ich so viel über ihn nachdenke und immer noch staune, wie das sein kann bei diesem großen, ungeschlachten, lauten Mann. Was hab ich mit dem schon gemeinsam?*
Aber ich schreibe dann immer doch nicht über ihn, denn wenn ich damit anfange, würde das ein sehr langer Text mit sehr viel Nachdenken, den ich am Ende nichtmal schön fände. Dann muss ich es wohl anders machen, aber noch weiß ich nicht wie, und an dieser Stelle fällt mir meistens ein, dass ich eigentlich auch los muss, oder was kochen, außerdem saß ich schon bei der Arbeit so lang vorm Bildschirm, also gerade ist es echt schlecht. Morgen! Bestimmt!

 

* den Winkel, aus dem wir auf unsere Unterschiede blicken, und die Ehrlichkeit, mit der wir über sie sprechen, und die Achtung, mit der wir einander sehen: als ganze Menschen, vertraut in Manchem, fremd in Anderem.

Freiheit in verträglichem Maße

Ich schreibe im Slalom um die Leute herum, die auf meinem Blog mitlesen.

Ich denke: Alles, was ich schreibe, soll so wahrhaftig sein, dass ich es auch jedem Menschen so ins Gesicht sagen würde!

Kannste knicken.

Weil, wenn ich alles ehrlich so schreibe, wie ich’s denke, dann machen sich Leute Sorgen um mich (lasst mich). Oder sie erfahren Dinge zuerst im Blog und dann erst im Gespräch, was nicht nett von mir wäre. Oder sie erfahren Dinge in unverträglichen Dosen und Darreichungsformen.

Ich filtere mich also selbst, aber damit geht eine Hauptfunktion des Blogs verloren, nämlich Konflikte sortieren, Dampf ablassen, meine Gedanken irgendwo loswerden, wo sie keinem schaden. Zieh ich um?

12.10./Bestandsaufnahme

Seit neuestem weiß ich nicht mehr, wie ich hier schreiben soll. Es kommt mir vor, als müsste jedes Wort vor einem Leser bestehen, der mir nicht glaubt. Deshalb glaube ich mir auch nicht, obwohl das alles stimmt:

Heute war ein Tag mit Potential, den ich habe vergehen lassen, ohne mich zur bewegen. Draußen waren freundliche Kastanien, die man vielleicht noch sammeln kann, und Licht und Waldwege in der Herbstsonne. Aber ich war so müde.

Ich hab mich an meine Arbeit gewöhnt. Ich habe eine Kollegin, die meine feste Nebensitzerin geworden ist, und ich hatte bisher keine Tage, an denen ich gar nicht hingehen konnte. Ich habe zwei von vier Tanzkursen wieder abgesagt, weil das zu viel war, merke aber trotzdem, dass ich in der übrigen freien Zeit schwerer Dinge tun kann. Mein Rücken ist ganz steif von so viel ungetanen Dingen und fleht nach Bewegung.

Ich zwinge mich, mich wieder zu einem Teil der Lindy-Hop-Szene zu machen. Heute Abend ist ein Social und ich gestatte mir nicht, daheim zu bleiben. Ich melde mich freiwillig für den Auf- und Abbau bei zukünftigen Veranstaltungen. Und morgen dreht eine Swingband aus der Stadt ein Musikvideo, in dem ein paar Leute tanzen sollen: ich habe gesagt, dass ich mitmache, und jetzt muss ich auch. Ich bin trotzdem sicher, dass mich keiner will oder braucht, aber ich will mich öfter so spüren, wie ich mich beim Tanzen spüre.

Ich denke auch, dass niemand diese Texte will oder braucht, und dass ich deshalb vielleicht einfach mit dem Schreiben aufhören sollte. Anscheinend bin ich kein ausreichender Grund für mich, irgendetwas zu tun.

Du ist mehr verliebt in mich als umgekehrt. Als ich ihm das gestehe, sagt er, das sei ihm von Anfang an klar gewesen, aber es mache keinen Unterschied. Etwas zwischen uns ist trotzdem echt. Er sagt: Du machst mich glücklich. Ich staune über seine Reaktion; überhaupt hab ich großen Respekt vor ihm und freu mich darauf, ihn wiederzusehen. Er fordert mich heraus, ohne mich unter Druck zu setzen, und ich erprobe an ihm, wer ich bin.

Ich habe Joker gesehen und fühle mich Arthur Fleck nahe, wie ich mich König Saul bei Rembrandt nahe fühle, zerbrochenen, tragischen Figuren, für die es auf der ganzen Welt keine Rettung gibt. Aber sie sind nicht wirklich, und durch die Distanz der kunstvollen Erzählung, die niemals vorgibt, etwas anderes zu sein, ist ihre Tragik schön und mitreißend und kathartisch; tags drauf sehe ich Systemsprenger, der sich viel realer anfühlt, und dieser Film tut weh.

Ich müsste mich bei Leuten melden, Kontakt halten, was anstrengend ist, aber es ist noch anstrengender, den Kontakt zu mir selbst zu halten. Ich hab ihn weder in der Fülle meines Alltags noch in der lethargischen Stille, in der ich mich weigere, mir selbst zuzuhören. Gleich hinter meiner Straße fängt der Wald an, der mir gut tun würde: das weiß ich und rühr mich nicht vom Fleck.

03.09.

Ich glaube immer noch: es ist ausgestanden. Aber das heißt nicht, dass es nie mehr weh tut und kein Tag mehr sich schwer anfühlt. Ich habe etwas über mich verstanden, das vielleicht mein eigentliches Thema ist – nicht die Depression -, und ich will es aufschreiben, hier, im Internet, weil das Bloggen und alle, die meine Texte lesen, eine Funktion haben, eine Bedeutung, so fundamental, dass ich mich frage, ob das nun wieder gut ist, aber vielleicht ist es total in Ordnung, die absolute Selbstgenügsamkeit als Ideal zu verwerfen.

Mein Laptop ist woanders, aber ich kann nicht richtig schreiben, wenn ich nicht die Tasten höre und fühle. Ich schiebe alles auf: die Nacht in der Stadt, die Heuschrecken, Selbsterkenntnis, Verunsicherung, Texte über Texte übers Tanzen.