Ach, stimmt.

Ich habe einen Abend für mich allein in meiner Wohnung. Etwas daran fühlt sich komisch an. Als wäre hier mehr allein-Gefühl als nur von einem Abend. Stimmt: drei solcher Abende am Stück, das ist eine Weile her.

Alleingelassen mit mir, rutsche ich ein bisschen unbehaglich im Sessel herum.

Viel Zeit zum Lesen?, sage ich schließlich.

Viel Zeit für mich!, platzt Grumpy dazwischen.

Ich und ich gucken ihn mit konsternierter Herablassung an. Um dich geht’s jetzt echt nicht, sage ich, und ich nicke. Es stimmt: in kontemplativer Stille wird Grumpy dünner, wie zu wenig Marmelade auf einem großen Brot; er ist am lästigsten, dicksten, lautesten, wenn ohnehin nicht genug Luft zum Durchatmen ist. Jetzt, da wir ihn gemeinsam böse anschauen, verschwindet er vollständig, hängt nur noch als Trübung vor der Lampe oder materialisiert sich kurz in einer kurzen Unruhe, wenn ich vor dem Einschlafen das Licht lösche. Jetzt muss er zu solchen subtilen Mitteln greifen: zum Verstellen der Uhrzeit, wenn ich im Bett lese, schau, schon so spät, zu kleinen Trägheiten, die nicht ins Gewicht fallen, denn wir sind allein, und niemand hat mehr Zeit als jemand, der niemand um sich hat.

 

Graureiher (5)

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14.07.

Ich hab immer noch nicht übers Bluestanzen geschrieben, und von meinem Rennrad wollte ich erzählen und vom Minirock und Frauen, die ich bewundere, und nicht zuletzt vom Grashüpfer Frederik, aber  — .

Heute hatte ich einen ganzen Nachmittag und Abend mit mir und meiner Wohnung, und ich glaub, der war gut. An dieser Stelle frage ich mich, ob Bloggen nicht eigentlich sehr merkwürdig ist.

 

Entpuppung

Ich muss mich zum Schreiben anhalten, ich sträube mich, aber ich muss, weil ich das, was ich bin, nicht mehr wiedererkenne.

Was sind das für neue Seiten? Warum hab ich mich so noch nicht gekannt?
Wer ist das, die sich mit anderen Menschen anlegt, sich streitet, provoziert, es drauf ankommen lässt? Wie kann ich das sein, die in einem wachsenden Bekanntenkreis Unterstützung erfährt und Verantwortung übernimmt? Verantwortung! Wie bin ich das geworden? Es ging so schnell, ich hab mich selbst überholt, das scheue Tier im Regen, und es ruft: Warte, bitte warte, ich hab noch nicht verstanden, was passiert.

Und muss es wirklich ich sein, die einem unschuldigen, schönen Menschen das Herz gebrochen hat? Wollte ich nicht immer behutsam sein und wahrhaftig und gerecht? Aber das hab ich nicht gewusst, dass ich nicht bereit bin, solche Nähe zuzulassen, ich dachte, die Umstände verhinderten große Romanzen, aber nein, ich bin es selbst.

Wer ist diese Frau, in der ich wohne und die so laut durch die Welt geht, die streitet und aneckt und immerzu Dinge tut, und diese Dinge sind nicht immer schön? Ich weiß nicht, wo sie hinwill und wozu sie noch im Stande ist, ich hab mich so anders in Erinnerung.

Worte, Seiten, Bände

Ich lese: vor einem Jahr hab ich wieder damit angefangen, mit A. S. Byatts „Buch der Kinder“ (noch nie so Schönes über Kunst gelesen, noch nie so voller Staunen durch sich Wort um Wort auffaltende Panoramen gewandert, wenn irgendwo die Weltausstellung in Paris erwähnt wird, denke ich jetzt, ich war dort), und nach der Bekanntschaft mit Byatts neunzehntem Jahrhundert lese ich einfach weiter und aufs Lesen folgt das Schreiben. Als ich wieder bei Atwood herauskomme, fange ich beim Lesen an, selbst Ideen zu haben, Isabels Geschichte hat sich von einem wuchernden Kuriositätenkabinett in ein handfestes Ding mit Handlung und Bedeutung entwickelt, und wie ich heute in der Sonne sitze (Kokos-Nougat-Eis!) und lese, spinnen sich alle halbe Seite aus dem Gelesenen eigene Ideen. Jetzt nur nicht aufhören.

Lügnerin

Ich habe zu Isabel gesagt: heute werde ich dich zurechtmachen und dich auf die Reise schicken. Nach Köln und Berlin sollst du fahren, ein Exposé gebe ich dir mit, um dich vorzustellen, und wenn wir Glück haben, du und ich, werden sie dich fast so sehr lieben wie ich. –

Ich hab es aber nicht geschafft, nicht einmal für Isabel habe ich es geschafft, aus Heute einen echten Tag zu machen, nicht einmal für etwas, das ich schon immer mehr gewollt habe als alles andere, und wenn das schon kein Grund ist, irgendetwas zu tun, wo soll ich dann noch Gründe hernehmen?