Was hast du erwartet

Ich bin ein Stein, damit es nicht wehtut.

Es war einmal ein kleines Mädchen

Welcher Geburtstag ist das gewesen, der neunte, der zehnte?
Mit ihrer Mutter steht sie im hinteren Teil des Ladens und möchte etwas Ungewöhnliches, die Idee vielleicht aus einem Buch, bestimmt aus einem Buch, weil sie zur Hälfte in Büchern und Geschichten wohnt: sie möchte einen altmodischen Schulranzen aus Leder. Sie darf ihn aussuchen und mit der Verkäuferin reden wie eine Erwachsene, sie probiert den Schulranzen auf, der ihr gefällt, vorbei ist die Zeit  der hässlichen Schultasche mit den bunten Bären. Der neue Schulranzen duftet nach Leder und sie liebt ihn so, er ist was Besonderes, sie will ihn allen zeigen, weil er so schön ist, genau, wie sie ihn erträumt hat, nur in echt.
Sie geht damit in die Schule, stolz auf ihren neuen Schatz, und ihre beste Freundin fragt: Wo ist dein neuer Ranzen? – Hier ist er doch, sagt sie und will ihn vorführen, all die Fächer und Schnallen, aber die Freundin hat sich schon weggedreht: Der ist hässlich.
Auf der ganzen Welt, von diesem Moment an, wird es niemanden geben, der ihren Schulranzen schön findet. Sie wird dafür gehänselt werden, Kinder werden ihr Sachen nachrufen, jemand wird ihn anspucken, er wird sie überall zur Zielscheibe für Spott und Häme machen, viereinhalb Jahre wird sie es ertragen und die schöne Tasche schon heimlich hassen, und in der achten Klasse kauft sie sich einen Eastpak, weil sie es nicht mehr aushält.

Jetzt bin ich 28 und versuche herauszufinden, ob ich ihn noch mag, meinen alten Schulranzen, als Umhängetasche, ob von dem alten Gefühl noch was übrig ist unter der Enttäuschung und Scham und Wut. Ich hab ihn bis jetzt nicht mehr anfassen wollen, dabei ist das alles schon fast fünfzehn Jahre her, aber in mir sind wir jetzt zu dritt: das kleine Mädchen, das diesen Schulranzen einfach toll findet, und die verstörte Jugendliche, der er eigentlich schon peinlich ist, die ihn aber aus Trotz weiter trägt, und die Erwachsene, die endlich ihr Selbstvertrauen gefunden hat, aber einfach nicht weiß, wie sie zu dieser Tasche steht.
(Ich wette, die kleinen Hipsterkinder, die sich jetzt diese Taschen gebraucht für viel Geld kaufen, sind dieselben, die mich früher dafür fertig gemacht haben. Mögen euch die Bremsen an den Vintage-Rädern versagen.)

Der Eastpak, übrigens, hatte die falsche Farbe und hat die Lage kein bisschen besser gemacht, damals.

In der Schule, auf dem Mädchenklo

Mit fünfzehn oder sechzehn, in meiner ganzen elenden Wut darauf, dass andere Menschen Vorstellungen davon haben, wie ich zu sein habe, hab ich mir geschworen: Nie werd ich so sein, wie sie mich haben wollen. Ich werd mich nicht so anziehen und nicht meine Augenbrauen zupfen und mich nicht schminken und nie über das ganze dumme Zeug reden, das ihre Köpfe füllt.
Und ich hab mir vorgestellt, wie mein zukünftiges, erwachsenes Ich dem zornigen jungen Mädchen gegenüber treten und sich für das verantworten muss, was aus ihm geworden ist.

Und jetzt, wo meine Brauen gezupft sind und in meinem Schrank ein Windstoß bunter Röcke hängt und ich an manchen Tagen gerne Rot auf meine Lippen lege – würde ich bestehen vor mir? Könnte ich glaubhaft sagen: Ich bin immer noch du, wir sind jetzt nur mutiger, selbstbewusster, wir haben gelernt, uns unter den andern zu bewegen, aber wir haben uns nicht in ihnen verloren.