Entpuppung

Ich muss mich zum Schreiben anhalten, ich sträube mich, aber ich muss, weil ich das, was ich bin, nicht mehr wiedererkenne.

Was sind das für neue Seiten? Warum hab ich mich so noch nicht gekannt?
Wer ist das, die sich mit anderen Menschen anlegt, sich streitet, provoziert, es drauf ankommen lässt? Wie kann ich das sein, die in einem wachsenden Bekanntenkreis Unterstützung erfährt und Verantwortung übernimmt? Verantwortung! Wie bin ich das geworden? Es ging so schnell, ich hab mich selbst überholt, das scheue Tier im Regen, und es ruft: Warte, bitte warte, ich hab noch nicht verstanden, was passiert.

Und muss es wirklich ich sein, die einem unschuldigen, schönen Menschen das Herz gebrochen hat? Wollte ich nicht immer behutsam sein und wahrhaftig und gerecht? Aber das hab ich nicht gewusst, dass ich nicht bereit bin, solche Nähe zuzulassen, ich dachte, die Umstände verhinderten große Romanzen, aber nein, ich bin es selbst.

Wer ist diese Frau, in der ich wohne und die so laut durch die Welt geht, die streitet und aneckt und immerzu Dinge tut, und diese Dinge sind nicht immer schön? Ich weiß nicht, wo sie hinwill und wozu sie noch im Stande ist, ich hab mich so anders in Erinnerung.

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Es ist nämlich so

In mir haust Grumpy und singt spöttische kleine Lieder mit dem Kehrvers „Du kannst gar nichts, zu gar nichts bist du gut“; außerdem ist gewachsen wie ein Apfel ein kleines rundes, weiches Ding, das nachts aufwacht und dich im Schlaf anschaut und großen Hunger nach deiner Haut und deiner Aufmerksamkeit hat; und da ist der stotternde, tickende, dampfende Apparat, der das Leben draußen aufzeichnet und erforderliche Reaktionen einleitet; und überall dazwischen schlafen und spielen und hungern und flattern all die anderen Facetten und Gefühle und durstigen Träume.

Und jetzt halt das mal zusammen und finde raus, wer du bist.

Half the love

Dass ich mein Studium eines schönen Faches aufgeben und mir irgendeinen Job suchen will; dass ich mich in einem lockeren Verhältnis zu einem Mann schon halbwegs einrichte, obwohl das nicht ist, was ich gesucht habe: ist das, um zu beweisen, dass ich es sowieso nicht kann?
Es: der große Wurf, der ganze Traum, alles, was ich sein könnte.

Oder, und das wäre schlimmer, bin ich überzeugt davon, dass ich mehr gar nicht verdient habe? Vielleicht gerade, weil ich es nicht kann, weil ich das große Glück gar nicht halten könnte, schließlich halte ich mich für ganz und gar unzulänglich in so ziemlich jeder Hinsicht. (Und wo ich womöglich doch mehr bin als das, hab ich zu wenig daraus gemacht, das zählt also auch nicht.)
Das ist nicht unplausibel. Damit muss man erstmal klarkommen.

Romanze

Weißt du noch, damals, im Second-Hand-Laden, wie ich mich in die Lederjacke verliebt habe? Ich hab sie ja so lange nicht mehr aus dem Kopf bekommen, und jetzt, pst, hab ich mit meiner Freundin einen ganz tollen Deal mit dem Inhaber ausgehandelt und die Jacke gekauft, für ganz wenig Geld, meinen Schatz, und bestimmt für viel weniger, als sie wert ist, eine gut verarbeitete Echtlederjacke fast ohne Tragespuren. Sie hat zweimal so breite Schultern wie ich und wiegt schwer, eine knarrende Rüstung aus oversizetem, dickem Leder, ein bisschen martialisch, ein bisschen prollig, ich kann mich darin verstecken und die Jacke für mich selbstbewusst sein lassen. Sowie ich sie anziehe, bin ich geborgen und beschützt, ich bin ein weicher Kern und zieh die harte Schale über.

13.08.

Am Bahnhof sitze ich und beobachte Leute, die Mädchen haben sich Mühe gegeben und sehen hübsch und zart aus, und ich denke mir, dass ich mich nie hübsch und zart fühle, sondern eher sperrig, ich bin ein launischer Igel mit Turnschuhen und bleibe mit den Stacheln überall hängen, ich gehe aus Trotz in die falsche Richtung, weil ich immer Recht habe, ich habe dauernd Hunger nach Nahrung und Leben und Liebe und brauche von allem viel und weiß nicht, wie ich’s weitergeben soll, unter meiner Haut sind Schmetterlinge, die nicht fliegen können.

Check ich nicht

Auf ganz vielen Blogs soll man einen Einblick in die „kleine Welt“ des Autors oder der Autorin kriegen. Warum „klein“? „Meine kleine Welt“, das klingt so unnötig zaghaft, als wollte man sich für den Inhalt schon von vornherein entschuldigen, denn in meiner kleinen Welt gibt es ja nur meine kleinen Gedanken, die aus meinem kleinen, armen, unwissenden, unzulänglichen Kopf kommen, bitte nicht böse werden.
Oder es klingt nach Puppenstube, nach Spielzeug, nach künstlicher Verniedlichung, meine kleine, süße, unschuldige Welt, die gar nicht viel Platz wegnimmt, bittesehr, denn sie ist ja nur so klein, und auch sonst ganz unbedeutend.
Steht doch zu euch, meine Güte. Meine Welt jedenfalls ist nicht klein, sie ist riesig und erschreckend und wild und chaotisch und unerträglich schön, und für nichts davon werde ich mich entschuldigen.

Klein! Ich bitte euch.