Trennungsschmerz

Ich habe Doris Lessings Goldenes Notizbuch ausgelesen und den Verdacht, dass ich das Ende nicht verstanden habe. Die letzten Seiten waren mühsam, ganz viel an diesem Buch war mühsam, aber ich habe mich so tief hineingedacht und -gefühlt, dass ich es jetzt heftig vermisse.
Die Affären und Beziehungen von Anna Wulf haben mein Affärenverhältnisfreundschaftplusliebeleiwuddayacallit ganz eng begleitet, und es war viel leichter, so ein Verhältnis gemeinsam mit Anna und Ella zu führen als nur mit mir. Wenn Anna rasend war, hab ich mein eigenes Rasen begriffen, und wenn sie kalt war, wusste ich, warum ich manchmal kalt bin, und wenn sie einen Fehler bei sich gesucht hat, wusste ich, dass der Fehler nicht bei mir liegt.

Jetzt muss ich alles wieder allein verstehen und selbst die Figur sein, die mich bestärkt und meine Fragen auflöst. Vielleicht muss ich das Buch noch einmal lesen, um Annas verschwommenes Abbild in mir zu schärfen.

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Der Ernst des Lebens

Wie soll ich leben?

Was bedeutet es, dass ich am letzten Vollzeitjob gescheitert bin?
Ich habe eine 50-Prozent-Stelle angenommen, von der ich weiß, dass sie nicht ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Schulden abzubezahlen und auch noch was zur Seite zu legen.
Ich weiß nicht, wie ich für mich selbst sorgen soll. Kann ich das? Krieg ich Wohngeld? Bin ich arm, wenn ich alt bin?

Ist das der Punkt, an dem meine Mutter – nach ihrem ebenfalls abgebrochenen Studium ungeplant schwanger – entschieden hat, mit meinem Vater zusammenzuziehen, zuhause zu bleiben und diese eine Sorge um ihre Zukunft los zu sein? Bin ich eine Wiederholung ihres Lebenslaufes, nur dass ich nicht schwanger bin und mir deshalb doch überlegen muss, wie ich selbst für meine Brötchen sorge?
Wo sollen die blöden Brötchen denn jetzt herkommen?

Ungefähr jeder findet die Idee gut, dass ich in eine psychosomatische Klinik gehe. Ich finde die Idee nicht gut, auch wenn ich keine Sachargumente dagegen habe außer dem Wunsch, ein Leben zu leben wie ein ganz normaler Mensch.
Mit einem Einkommen von 1250 Euro brutto wäre ich allerdings wohl kein normaler, sondern ein armer Mensch.

Ich weiß nicht, was richtig und sinnvoll ist. Ich bin kein ordentliches Zahnrad geworden und niemand sagt mir, wo ich sonst hinpasse, wenn ich immerzu aus der großen Maschine springe.