Lass mich runter

Heute existiere ich nur in sehr geringem Maße. Jemand stolpert steif durch den Tag, den ich entworfen habe, aber ich bin nicht dabei.

Das hat mit dem Tanzen zu tun, oder: am Tanzen wird es ablesbar. Ich gehe seit dem Sommer immer seltener zu Socials (das sind freie Tanzabende), weil ich immer überzeugter bin, dass mich dort keiner braucht und vermisst, außerdem habe ich immer größere Angst, dass ich mich schrecklich fühlen würde, fehl am Platz, unpassend, merkwürdig, einfach verkehrt, jemand, der am besten gar nicht erst gekommen wäre, ich komme also nicht.
Wenn ich erst dort wäre, wäre es wahrscheinlich nicht so schlimm, wie ich denke, und selbst wenn es schlimm wäre, hab ich das auch schon hundertmal überstanden. Aber ich fühl mich zu allein und zu verletzlich und zu wenig, und mit jedem Mal, das ich nicht hingehe, wird es schlimmer. Dagegen muss ich was tun und weiß nicht, was.

Und dass ich mich beim Tanzen so wenig fühle, ist sicher anwendbar auf alles andere: auf die Angst, die mir die Welt einjagt, als ich bloß spazieren gehe, dieser furchteinflößende Selbstverständlichkeit aller Menschen, mit der sie sich befinden und bewegen und Raum einnehmen und sprechen, während ich, stumm, der Sprache wirklich nicht mehr fähig, wie ein Gespenst über den Weg treibe, ohne den Boden zu berühren oder sonst in der Welt verhaftet zu sein.

 

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03.09.

Ich glaube immer noch: es ist ausgestanden. Aber das heißt nicht, dass es nie mehr weh tut und kein Tag mehr sich schwer anfühlt. Ich habe etwas über mich verstanden, das vielleicht mein eigentliches Thema ist – nicht die Depression -, und ich will es aufschreiben, hier, im Internet, weil das Bloggen und alle, die meine Texte lesen, eine Funktion haben, eine Bedeutung, so fundamental, dass ich mich frage, ob das nun wieder gut ist, aber vielleicht ist es total in Ordnung, die absolute Selbstgenügsamkeit als Ideal zu verwerfen.

Mein Laptop ist woanders, aber ich kann nicht richtig schreiben, wenn ich nicht die Tasten höre und fühle. Ich schiebe alles auf: die Nacht in der Stadt, die Heuschrecken, Selbsterkenntnis, Verunsicherung, Texte über Texte übers Tanzen.

Anders gesagt

Ich habe mit einem Fremden zum ersten Mal seit Jahren einen Quickstep getanzt, und diesen Tanz hab ich mal geliebt.

Ich hab mich mit den Leuten unterhalten, die ich gern habe, und ich hab wirklich einige gern.

Ich bin spontan mit jemandem essen gegangen, den ich besonders gern habe. Sie muss mich auch gern haben? Kann ich mir immer noch nicht vorstellen.

Ich kann inzwischen allein zu den blöden socials gehen. Das hätt ich nie gedacht.

Ich hab getanzt. Ich hatte ein paar gute Momente. Ich kann ab und an loslassen dabei.

 

Und das alles zählt nichts dagegen, dass ein blöder Typ am anderen Ende der Tanzfläche auftaucht? Ach komm schon.

18.11./Nicht perfekt ist nicht okay

Mit dem neuen Job im Kino ist mein Leben jetzt voll bis zum Rand. Ich tanze und arbeite und lese in der Bibliothek für die Masterarbeit und daneben versuche ich, meine Freunde nicht zu vernachlässigen und plötzlich findet so viel statt und ich bin an so vielen Orten und begegne so vielen Menschen und merke, diese Person, die ich bin, auf die kann ich mich verlassen, die kriegt das schon hin.

Aber, wie soll sie es hinkriegen? Gut soll sie es machen, und am besten nicht nur gut, sondern mindestens besser als alle anderen. Am charmantesten soll sie sein und am lustigsten, am klügsten und geschicktesten Aufgaben anpacken, am coolsten soll sie aussehen beim Tanzen und die wenigsten Fehler dabei machen und bei alledem auch noch die lässigsten Klamotten tragen.
„Kein Wunder, dass sich alles so viel anfühlt, wenn Sie auch noch immer alles perfekt machen müssen“, bemerkt meine Therapeutin. Das ist naheliegend, aber im Leben wär ich da nicht draufgekommen, und plötzlich seh ich alles viel entspannter: es ist nicht so groß und viel wie das, was ich daraus mache.

Die Welt geht trotzdem oft genug unter, sobald ich denke, ich sei nicht gut genug, und Anlass dafür finde ich eigentlich überall, da muss ich nichtmal besonders lange suchen, Abende ruinieren kann ich mir selbst ganz ausgezeichnet. Warum ist es so irre unerträglich, etwas nur so gut zu machen wie alle andern auch?
Sogar in der Therapie: ich möchte immer mit einer möglichst komplizierten Sache da auftauchen. Ein besonders gutes Problem?!, fragt meine Therapeutin und schmeißt sich weg vor Lachen.


Dass das nicht in deinen Kopf geht

Ich tanze unter freiem Himmel, mein Tanzpartner möchte nach dem letzten noch ein aller- und ein alleraller- und ein allerallerallerletztes Lied, ich weiß, dass er gern mit mir tanzt, ich tanze mit alten Bekannten und mit jemand Neuem, dem es auch Spaß zu machen scheint, aber ich kann nur denken: dass ich es nicht gut genug mache, dass ich zu steif bin, dass ich nicht lässig genug aussehe, dass ich zu ungesprächig bin, dass ich einfach nicht genug bin und mich sowieso keiner mag.

Das ist nur in meinem Kopf. Es ist den ganzen Abend nichts passiert, das diese Gedanken stützen würde. Aber das Wissen, dass das alles Quatsch ist, kommt irgendwie nicht da an, wo es hinmüsste, damit ich aufhöre, diesen Quatsch zu denken.

Und dabei liefere ich mir noch am gleichen Abend selbst den Gegenbeweis: setze mich zu einer Frau, die von einem schrägen Typen angequatscht wurde, frage, ob sie OK ist, komme mit ihr ins Gespräch, streichle ihren Hund, tausche mit ihr Nummern, damit wir ins Theater gehen können. Ich bin total OK. Warum glaub ich mir das nicht?

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