Edel sei der Mensch

Aber wenn zwei auseinander gehen, kommt ihnen das Edle ganz schnell abhanden, so schlagen sie um sich, so werfen sie mit Dreck. Der Dreck ist hartnäckig und während ich meine Finger schrubbe, frage ich mich:

War das nötig, mussten wir das tun? Wie passt das, was zuletzt zwischen uns geschehen ist, zu dem Bild, das ich von uns habe? Wieso sind wir überhaupt hier, obwohl ich überwiegend schöne Dinge erinnere, wenn ich an unser Vorher denke? (Diese Frage lautet eigentlich: Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Wohin sind Freundschaft, Wertschätzung, Austausch, warum ist jetzt jedes Gesprächsfragment ein Stochern im Nebel, warum kennen wir uns nicht mehr? Wieso tun wir uns weh, statt einander durch den Morast zu helfen?

Warum schließt sich andauernd alles gegenseitig aus, warum konnten wir einander nicht einfach weiterhin geben, was zu geben war? (Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Bin ich allein mit dem Wunsch, dass wir uns noch einmal wirklich begegnen, um es nicht SO enden zu lassen, können wir ohne Bitterkeit sein, liebevoll? Wie viel müssen und wie viel können wir einander verzeihen?

Und: Ist es nun besser so, habe ich etwas gewonnen und nicht nur verloren, würde ich mich nicht weniger furchtbar fühlen, wenn deine Gegenwart mich weiterhin meiner menschlichen Existenz versichern würde, und wie niedrig ist dieser Beweggrund? Wie soll ich edel sein, wenn die ganze Welt eine riesige Bedrohung ist und ich, bitte, eigentlich nur einen Ort brauche, an dem es einfach okay ist.

10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

It’s so damn dark I think I’m going blind

Ich seh nix mehr. Nichts ist mehr klar, die ganze Welt ist Nebel und Scherben, und in den lichteren Momenten erkenn ich, dass ich meinen Abfall meinen Freunden in die Vorgärten gekippt hab.

Und wir, vor drei Tagen noch beste Freunde, sind fremd bitter stumm, ich verstehe nicht, was geschehen ist, du verrätst es mir nicht, ich vermisse dich und bin wütend und verwirrt und weiß nicht, was ich tun kann.

Allein und erschöpft fühl ich mich.

 

Liebes Tier

„Hunde haben Herrchen, Katzen haben Sklaven“, sagen Katzenbesitzer, als wäre das was Positives. Nächstes Mal werde ich darauf antworten: „Katzenbesitzer sind also so verunsichert, dass ihnen ihr Haustier sagt, wo’s langgeht, und Hundebesitzer sind selbstbewusste Führungspersönlichkeiten“, weil mir dieser Spruch so auf die Nerven geht.
Sie hat mir eine gescheuert! Wie niedlich.

Ich kann mit Hunden mehr anfangen als mit Katzen, aber nervig finde ich nicht die Katzen, sondern die Menschen dazu und diese völlig bescheuerte Debatte, ob jetzt Hunde oder Katzen die tolleren Tiere sind. (Hunde, natürlich.)

Bäh (The Lady is a Tramp)

Ich geh einkaufen. In meinem Flatterrock und den ganz schweren Stiefeln, mit Halskette und Ohrringen, die Locken so zurückgesteckt, dass sie sich noch widerspenstig kringeln, mit in Auflösung begriffenen Klebe-Tattoos von der Hochzeit, an den Händen Glitzernagellack, der auch schonmal frischer war, unüberschminkte Ringe unter den Augen. Ich seh aus wie eine vom Thron geschmissene Räuberprinzessin.
Ich fühl mich auch so.

Gerade bin ich mit der Vermieterin aneinander geraten. Sie ist sauer auf die Hausbewohner, das versteh ich, für die meisten Sachen kann ich aber nichts und kriege trotzdem die volle Ladung ab. Anstatt wie ein erwachsener Mensch für meine Sache einzustehen und das zu klären, breche ich vor ihr in Tränen aus und lasse sie einfach stehen. Weil sie nicht weiß, dass an diesem Ausbruch vor allem andere Dinge schuld sind, hält sie mich jetzt wahrscheinlich für komplett bescheuert. Sie hingegen besitzt die Überlegenheit der Älteren und der gerechten Wut.