Auf See

Morgens stehe ich auf und alles ist OK, aber nach zwei Stunden Sachen machen im Haushalt ist die Luft raus. Ich sinke. Warum? Wohin?

Du bist sauer auf mich oder enttäuscht von mir, ich hör’s an deinem Schweigen. Meine hundertste Entschuldigung verpufft ins Leere, vielleicht sind hundert Mal ein Mal zu viel (bitte nicht). Hermetische Enge: du brauchst mich, ich brauch dich zum Tanzen, zweifache Last.

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Oh, do you know how much I wish it to be so

Und dann, plötzlich, eine Kette beglückender Ereignisse: ich komm herausgepurzelt, randvoll mit Seligkeit.

 

(Ein Date. Funkenflug! Und Masterarbeit. Und Menschen. Und Fahrrad repariert. Und Wohnung aufgeräumt. Gearbeitet. Und getanzt, getanzt! Und du, du schönes, schönes, schönes Wesen. Fast hätt ich dir im allgemeinen Glück was Verliebtes zum Abschied gesagt, aber ich konnt mich grade so beherrschen.)

Fuck this

Im Lindy Hop ist es so: es gibt Leader (meistens Männer, aber auch ein paar Frauen) und Follower (meistens Frauen, aber auch ein paar wenige Männer), das kennen wir von anderen Paartänzen, und wenn man zu einem Social geht (Tanzveranstaltung), sieht das so aus: es sind immer zu wenige Leader da, das kennen wir auch von anderen Paartänzen, und deshalb kommen die Leader gar nicht mehr von der Tanzfläche, während rundherum mindestens ein Dutzend traurige Follower sitzen, die auch gern tanzen würden. Sie trauen sich nicht, jemand aufzufordern, oder kommen gar nicht erst dazu, weil man sich dafür ganz schön offensiv auf die paar Leader stürzen muss, bevor jemand anders schneller ist. Das liegt nicht jedem. Nicht jeder, denn die traurigen Leute außenrum sind ja nur Frauen.

Gestern war das letzte Social für dieses Jahr und alle haben sich drauf gefreut, ich auch, und dann finde ich mich unter den traurigen Frauen am Rand wieder und denke, das darf nicht wahr sein.
Du kannst doch auch jemand auffordern, wendet ihr ein, und dazu sage ich: Ja, ich kann, und ja, mache ich – aber: Ich muss das nach jedem Lied neu machen, und es fällt mir verdammt schwer, und an manchen Abenden bin ich nicht in der Verfassung, mich alle vier Minuten neu zu überwinden zu etwas, das mir nicht wirklich entspricht. Und ich bin damit nicht allein, sonst würden die traurigen Frauen am Rand nicht den ganzen Abend genau da sitzen.
Ein Leader, mit dem ich drüber rede, sagt: Fällt mir auch auf, und dann lacht er, Aber ich steh auf der anderen Seite, ich kann einfach die ganze Nacht durchtanzen – und weg ist er, auf der Tanzfläche, und ich bleib am Rand stehen.
Eine Leaderin, mit der ich drüber rede, sagt: Ich hab als Follower angefangen und genau deswegen die Tanzrolle gewechselt. Man fühlt sich so abhängig. – Damit trifft sie’s auf den Punkt.
Dabei mag ich es, als Follower zu tanzen – es ist intuitiv und leicht und macht mir Spaß, aber wenn es mit dieser bescheuerten Abhängigkeit einhergeht, muss ich jetzt halt Leader lernen. Keine Ahnung, ob ich darauf Lust habe, aber ich bin doch kein blödes Mauerblümchen, das drauf wartet, von irgendwem gepflückt zu werden.
Und wenn ich halbwegs Leaden kann, kann ich wenigstens ein paar von den anderen traurigen Frauen am Rand retten.

 

PS: Ein Leader, den ich gestern aufgefordert habe, hat mich eiskalt abblitzen lassen. Dafür kommst du in die Hölle, Arschloch.

Tanzen

Ich habe nie regelmäßig Sport gemacht, jetzt tanze ich mindestens zweimal pro Woche Lindy Hop. Ich gewöhne mich an den ständigen Muskelkater und die schweren Beine. Ich beobachte ein wenig besorgt, wie in meiner rechten Schulter ein Schmerz auftaucht und bleibt. Ich bemerke mit Freude, dass meine Schultern, mein Nacken lockerer sind und ich seltener Kopfschmerzen habe. Ich entdecke, dass man in den Fußsohlen Muskelkater haben kann, und dass mein Bauch sich fester anfühlt als vor einem halben Jahr. Ich fahre auf dem Fahrrad nur noch wie eine Schnecke, weil mein Körper sich ein Päuschen wünscht.

Schon wieder: Night and day

why is it so
that this longing for you follows
wherever I go

And this torment won’t be through
Till you let me spend my life
Making love to you
Day and night, night and day

Vor der Arbeit suchen wir dir eine Brille aus und dann steh ich hinter der Theke und weine ins Popcorn;
nach der Arbeit sehen wir uns beim Tanzen (du bist schon da und ich komme nach – du redest mit jedem und jeder redet gern mit dir, denn du bist nett, du bist einfach richtig nett, ich dagegen brauche dich, weil ich nicht weiß, wie man mit Leuten in Gespräche kommt)
und ich fühle: deine Schulter unter meiner Hand, deinen Arm um meinen Rücken, deinen ganzen warmen lebendigen Körper neben mir: er zwitschert und lacht, so ein Körper ist das,
und ich weiß, was gleich zwischen uns passieren wird: tanzen werden wir,
und ich denke, dass wir jetzt gerade alles sind, was wir überhaupt nur sein könnten.
Zum Abschied umarmen wir uns und wie ich davonfahre, tut sich in mir etwas auf und die Welt stürzt hinein und was übrig bleibt, ist einen Schatten grauer.

Oder, wie eine Freundin von mir feststellt: Dazu ist eigentlich nichts mehr zu sagen.

Liebe für Lindy

Wenn ich tanze, hört mein Kopf auf zu denken, und ich bin, Drehung für Drehung, wenn ich deine Hand schon finde, ohne hinzusehen, und meine Füße neue Schritte finden, ohne sie zu kennen, und mein Körper sich bewegt, ohne dass ich etwas dazu getan hätte, weil ich es fühle: ich fühl die Musik, ich fühl den Rhythmus, ich fühl, was du machst, und ich fühl mich stark und richtig, und ich lache so laut.

 

Das, meine Freunde, ist das pure, schiere Glück.