Gestern: Auf dem Balkon wachsen die Heuschrecken

Ich gehe zum Tanzen auf den Schlossberg, eine Band ist da und spielt Swing zum Sonnenuntergang. Ich komme an und weiß nicht, wie ich mich mit den anderen verbinden soll, es ist niemand da, mit dem ich viel zu tun habe. Du zwar, aber vor ein paar Stunden habe ich unser Verhältnis beendet und deshalb stehst auch du für Gefühle von Allein- und Getrenntsein. Ich stehe am Rand und gucke zu und spüre, wie ich schrumpfe, gleich muss ich aufpassen, dass keiner auf mich drauftritt, ein flüchtiger Bekannter sagt von der Seite: Hi, wie geht’s dir? – Gut, sage ich und will schreien: Ich fühl mich so einsam, ich sterbe gleich.

Dann fragt mich aber doch wer, ob ich tanzen will: du, das freut mich, wir reden kurz miteinander in Andeutungen, dann möchte jemand anderes mit mir tanzen und ab da tanze ich und muss nicht mehr reden, rede aber doch plötzlich mit jemand, der Essen mit mir teilt, tanze weiter, bis die Band aufbricht. Auf ein ganz langsames Lied tanzt jemand Blues mit mir: das kann ich kaum, es genügt gerade eben so, um das Stück zu überstehen, aber wir tanzen Körper an Körper und ich bin schlagartig ganz woanders, ich fliege, das ist abgedroschen, aber ich fliege, über der Tanzfläche und den anderen Tänzern, in der Nachtluft, im Mondlicht, jawohl. Das ist wie Sex ohne Sex, nur die Nähe davon, und ich denke: schön, von nun an werde ich Blues tanzen und den Rest vergessen.

Am nächsten Morgen zähle ich die Stunden, bis ich bei der Arbeit sein muss. Es ist der erste Arbeitstag und ich habe vergessen, mich zu exmatrikulieren. Ich bin durcheinander, von der Intensität der letzten Tage, in denen ich so viel alleine war – und bin froh, dass ich ab heute für vier Stunden täglich ein zusammenhängender Mensch unter anderen Menschen sein werde. Ich trage neues Parfum, das mich ganz nervös macht, weil es so gut riecht, und schwarzen Nagellack. Ich spiele eine andere Version von mir und schicke sie ins Büro.

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Drüber wegkommen, Sisyphos-Style

Tanzen gehen ist schön, aber ich komme und gehe und bin dort allein, während du deine feste Gruppe von Leuten hast, die ich früher kannte und jetzt meide, um dir nicht zu begegnen. Du hast nicht wie ich den Tanzkurs abgebrochen, bist stattdessen auch auf Festivals gewesen, ich dagegen habe nichts Neues mehr gelernt, seit ich vor Monaten den Kontakt zu dir abgebrochen habe. Du hängst die ganze Zeit mit ihr ab wie früher mit mir – als würde dir ohne mich überhaupt nichts fehlen, als hättest du keine beste Freundin verloren. Und überhaupt ist es, als würde dir das alles nichts mehr ausmachen, eigentlich hat es nie gewirkt, als hätte es dir was ausgemacht – aber ich, ich trete immer noch Wasser, ich bin zu klein zum Stehen, und du verdammter Arsch hast dich einfach in einen Fisch verwandelt. In einen Fisch! Ich bitte dich.

Ich hab eine Wassermelone getragen

Das hab ich aus Witz gesagt, als ich eine riesige Wassermelone zur Sommerfeier mitgebracht habe.

Hat aber niemand reagiert, weil außer mir wohl die wenigsten in ihrer Kindheit dutzende Male Dirty Dancing mit ihrer Mutter angeschaut haben, die den Film liebt ohne Ende.

Guckt, hier:

 

(Toll, an der Szene errät man direkt den ganzen Plot! Den coolen Typ, in den sich irgendwer verlieben muss, erkennt man an seiner Coolness und dem offenen Hemd. Den unwichtigen Sidekick erkennt man daran, dass er nett ist. Die junge Frau, in die sich wer verlieben muss, erkennt man daran, dass sie nicht rüberkommt, als würde sich wer in sie verlieben. Deshalb weiß man auch gleich, dass noch irgendwas Großes mit ihr passieren muss. Dass der coole Typ und die junge Frau sich ineinander verlieben werden, erkennt man daran, dass sie nicht zusammen passen. Mein Baby gehört zu mir, ist das klar?)

01.08.

Ich gehe zur Psychiaterin und muss nichtmal ins Wartezimmer, so schnell ist mein Rezept fertig, dann haben sie in der Apotheke nebenan sogar das Venlafaxin (brrrrrr) vorrätig und ich muss gar nicht die halbe Stadt abklappern wie sonst, und am Ende finde ich im offenen Bücherregal nebendran auch noch drei Schätze: Doris Lessing! Margaret Atwood, im Original! Und Tania Blixen, die ich jetzt kennenlernen kann.

Das freut mich alles so, dass ich mich spontan auf einen Kaffee in der Stadt einlade; im neu entdeckten Café ist noch ein Platz draußen frei, da sitze ich und schreibe Tagebuch und freue mich über den guten Kaffee und gucke Leute und denke, vielleicht ist jetzt so langsam alles okay. Nicht ständig, nicht jeden Tag und nicht ohne Schwierigkeiten, aber insgesamt doch: okay.

Erdbeersphinx

(Vielleicht ist Lindy Hop, das Tanzen und wie ich mich dabei fühle, die Menschen und wie ich mich unter ihnen zurecht finde, die bessere Therapie.)

10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

Frankie Manning hat Geburtstag

Alle, die Lust haben, treffen sich im Stadtgarten und üben für einen Lindy Hop Flashmob. Wir lernen eine Choreographie, die für die meisten neu ist, und keiner kann sich merken, wann wir Partner wechseln und wer wie lang mit wem tanzt, die Frau des Tanzlehrers schimpft mit uns, wir üben das blöde Ding und lachen über unsere Verwirrung, und plötzlich stehen wir da und sind ohne Fehler einmal durchgekommen. Spontan klatschen wir Beifall – für unseren Lehrer, aber auch für uns, weil wir es geschafft haben, wir haben uns reingehängt und gearbeitet und jetzt, plötzlich, klappt es und macht Spaß, wir alle strahlen – überhaupt, wir sind ein WIR geworden, wir sind der Flashmob, der nachher stattfinden wird, und wir sind Tänzer, und es ist Sommer, und das Leben ist schön.

 

Lindy Kinder

Hürde

Wir könnten tanzen gehen, sage ich zu Grumpy. Das Wetter ist okay und die Leute tanzen draußen!

Grumpy packt meine Hand und zerrt mich weg von der Tür. Nein nein nein nein nein, sagt er hastig. Überleg doch mal, da sind Menschen! Wir wissen gar nicht, wer überhaupt da ist, vielleicht kennen wir keinen? Vielleicht mögen die uns nicht? Was ist, wenn wir nicht ins Gespräch kommen? Die anderen sind bestimmt ganz entspannt und locker, aber wir sind so komisch, wir sollten lieber nicht hingehen. Ja, lass uns hier bleiben! Hier ist es sicher.

Ich gucke auf ihn runter. Er hält immer noch meine Hand fest, damit ich nicht losgehen kann. Es könnte aber auch cool sein, sage ich. Wir könnten einfach vorbei gehen und Hallo sagen, so wie richtige Menschen. Dann tanzen wir ein bisschen und dann ist alles okay und wir gehen wieder und freuen uns, weil wir mutig waren?

Nein nein, jammert Grumpy. Das ist viel zu schwierig für uns! Oh, und außerdem, du bist noch erkältet.

Hm, stimmt, sage ich. Er wittert seine Chance und ruft, Na siehst du, tanzen wäre ganz schlecht für dich! Bleib zuhause, trink Tee mit mir, ja?

Aber es wäre so gut, es zu versuchen, sage ich. Es wäre einfach richtig gut, es würde sich toll anfühlen.

Grumpy hält immer noch meine Hand und schüttelt panisch den Kopf; und da stehen wir jetzt.