28.09.

Essen und schlafen Sie doch wenigstens ordentlich, hat mein erster Therapeut gesagt. Dann ist zumindest Ihr Körper fit und macht nicht alles noch schlimmer.

Ich schlafe viel zu wenig und esse zu ungesund und zu unregelmäßig, ich merke seit Tagen, wie mir die Kraft ausgeht und schleppe mich trotzdem immer weiter, quer durchs Leben, nur um nicht hinhören zu müssen. Ich weiß nicht einmal, ob es was Schlimmes zu hören gäbe, aber ich will mich einfach nicht mit mir an einen Tisch setzen, ich will nichts von mir wissen, ich möchte da sein, aber ohne mich. Ich müsste immer alles anders machen, ich müsste besser zu mir sein und achtsamer und öfter vernünftig, ich müsste mich hinsetzen und zuhören und rauskriegen, was eigentlich in dieser Leere wohnt, ich müsste schlafen und schlafen und mehr richtige Sachen essen und mich auseinandersetzen – mit dir und dir und dir und mir, endlich mit mir, vernachlässigt, verhungert, verkümmert, mach, dass es weg geht, mach mich ganz.

Wie wohltuend das sein müsste: mich am Stück zu fühlen und nicht wie jemand, der sich ständig um jemand anderen kümmern muss. Steh auf, wasch dich, zieh dich an, trink genug und pack deine Sachen, vergiss nichts, und ich kümmere mich solange um die Formulare, die Überweisungen, den Haushalt; und versuch zu sein wie ein Mensch, sprich und lächle und was Menschen so tun.

 

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05.05.

Es hängt ein Nebel zwischen mir und der Welt. Hier herüben ist es still und einsam, selbst Umarmungen klingen gedämpft, und was ich auch berühre, es bleibt ein feiner Schleier zwischen meinen Fingern und den Oberflächen der Dinge.

Um nicht noch tiefer in das Gefühl zu sinken, treffe ich Menschen, aber nichts davon ist echt; bei dir stehe ich am Tisch und möchte Brot schneiden, da finde ich mich wieder mit der Hand auf dem Laib und dem Messer auf dem Handrücken, natürlich mach ich das nicht, ich wollte nur gern was fühlen. Beim letzten Mal habe ich beim Treppensteigen die Hand über den rauhen Putz gerieben, aber das tat zu weh, und ich dachte, dass das ein gutes Zeichen wäre.

Du hast so schöne Hände und wir kuscheln auf dem Sofa, aber ich bleibe leer, ich bin erschöpft und hab mich verloren und weiß nicht, wie das passieren konnte.

Auftauchen

Die letzten zwei Wochen waren eine blind durchwanderte Talsohle. Durchwandert? Durchkrochen, auf den Knien, tastend, Nase und Knie hab ich mir an Fels gestoßen, bis ich nicht mehr weiter konnte, und so saß ich zwei Tage lang: ohne Bewegung, ohne Sprache, ohne Licht, und am dritten Morgen war es vorbei.

Warum? – So fragen alle nach dem Absturz, der sich seit Wochen angebahnt hat, wie soll ich wissen, wo das herkam, vielleicht ist es der Winter, vielleicht was Anderes, ich finde die Gründe nicht so wichtig wie die Schlüsse, die ich aus dieser Zeit ziehen sollte, aber die Therapeutin, meine Eltern, Freunde, sie fragen nach den Gründen. Scheiß auf Gründe.

Jetzt bleibt: Versäumtes aufholen, Mahngebühren bezahlen, Schreiben beantworten, dem Leben nachgehen, das um mich herum weitergetobt hat, es dröhnt und stampft und ich folge ihm vorsichtig, damit es mich nicht wieder niedertrampelt, im eigenen Tempo, ich verordne mir Sonnenbäder und Lesekuren und Schokoladendiäten, bis ich wieder als Mensch durchgehe, und am Samstag hatte ich sogar zwischendurch Spaß am Tanzen.

Jetzt muss ich sehen, ob die Bibliothek meinen Arbeitsplatz schon abgeräumt hat. Einmal pro Woche muss ich da eintragen, dass ich ihn benutze. Ha! Hab ich nicht.

 

 

Ein Tag ohne mich

Heute wach ich auf und fühl mich einsam und sage mir, dass ich ja nur nach unten in die Küche gehen muss, da sind meine Eltern, dann fällt mir ein, ich bin in meiner eigenen Wohnung, und fühl mich noch einsamer.

Grumpy sitzt neben dem Bett und hat nur drauf gewartet, dass ich endlich wach werde. Jetzt grinst er mich an und sagt, Na, kennste mich noch?
Na toll, sage ich.
Er freut sich, dass er mir den Morgen noch mehr versaut hat, und geht schonmal in die Küche, um auf mich zu warten. Kommst du?, ruft er. Heute ist ein toller Tag, um gar nichts hinzukriegen!

Draußen scheint die Sonne. Es ist fünf und ich hab gar nichts hingekriegt.

Putsch!

Grumpy hat die Macht übernommen und als erstes das Zähneputzen abgeschafft. Und dann den Abwasch. Wichtige Anrufe finden nicht mehr statt. Aufstehen vor elf Uhr ist nicht mehr erlaubt, dafür mein gerade eingeführtes Schokoladenverbot wieder abgeschafft. Meine Masterarbeit interessiert ihn nicht und wird auch nicht mehr unterstützt. Kleider gehören nicht mehr in den Schrank, sondern auf den großen Schaukelstuhl, und weil Tassen nicht gespült werden, können wir ab morgen keinen Kaffee mehr trinken. Wie wir dieses Problem lösen, ist dann meine Sache.
Grumpy verfügt, dass wir in der Wohnung nichts Sinnvolles mehr machen, bis es Zeit ist, aus dem Haus zu gehen. Wir kommen vom Einkaufen nach Hause und dann bestimmt Grumpy, dass wir uns im Flur auf den Boden setzen und, Jacke an, die Tafel Schokolade gleich aus der Einkaufstasche essen.
Und so seit Wochen.