Heiß auf

Einmal hab ich einen getindert, der war der schönste Mann, den ich je gesehen habe, hohe Wangenknochen und volle Lippen und ein Lächeln, dass ich singen könnte – damals hab ich ihm stundenlang in einer Bar gegenüber gesessen und ihn einfach nur angeschaut, während er geredet hat, einen Haufen Unfug in gebrochenem Deutsch: nicht klug, aber halt schön, so schön.
Ich wollte nur gucken, er wollte anfassen, deshalb haben wir uns nie wieder gesehen, bis jetzt, wo uns das Internet wieder zusammengewürfelt hat. Ich will dich fotografieren, sage ich, und er sagt JA, in Großbuchstaben, weil er schon ganz genau weiß, wie er aussieht.
Unsere Gemeinsamkeit also ist, dass wir ihn schön finden. Ist mir recht, ich werd ihn ausziehen mit der Kamera, ich will ihn Zoll um Zoll erobern. Oder: auffressen. Mit den Augen.

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Unfug

Nachts um drei tinder runterladen, Fotos von fremden Männern vom Bildschirm wischen, plötzlich über dein Profil stolpern, dich auf einem Foto lächeln sehen, denken: jeden Blödsinn an dir würd ich lieben!, wissen: das ist bescheuert, und alles wieder wegmachen: dich auch weg wischen, tinder deinstallieren, schlafen gehen, mein Herz zu einem glühenden Klumpen zusammenknüllen.

Ich weine nach innen.

Frühlingsgewühl, 2

Ich habe mich mit einem anderen Mann verabredet. Da ich nicht anders kann, bringe ich ihm ein Stück von dir mit: ich gehe in den Wald, wo ich dich vergraben habe, und grabe dich wieder aus. Ich hebe dich aus dem dunklen, feuchen Loch und schlage das Geschirrtuch auseinander: kompakt und dunkel liegst du in meiner Hand.
Du hast noch nicht zu keimen begonnen. Kannst du das überhaupt? Jetzt zücke ich das Messer und schneide dir eine Kante ab.
Der Schnitt ist natürlich makellos glatt. Ich frag mich, ob sich im Innern des Quaders noch etwas Anderes verbirgt oder ob du wirklich nichts bist als schwarze Unberührbarkeit. Ich packe dich wieder ein und lege dich zurück in dein Loch, dann schaufle ich es wieder zu und stecke in die Hosentasche, was ich dir abgeschnitten habe: ein kieselgroßes Eckchen. So fahre ich in die Stadt.

Er und ich lassen uns vom vulgären Lärm der Betrunkenen aus der Innenstadt vertreiben und verstecken uns in der Burg auf einem Spielplatz. Oben auf dem überdachten Turm sitzen wir windgeschützt im Dunkeln, jetzt will ich ihm das Stück von dir zeigen, aber er hat auch eins dabei, also teilen wir beides. Wir kauen stumm im Dunkeln auf der Kinderburg. Es schmeckt nicht gut und macht den Mund trocken.
Ich bin froh.