Diese Gruppe

… talentierter, intelligenter, gebildeter, reflektierter, einfühlsamer, guter Menschen, die eine Hochschulausbildung abgeschlossen oder abgebrochen haben und, alle ehrgeizigen Pläne von damals vergessend, irgendwelche Jobs machen, die ihnen meistens nicht gerecht werden: wo haben die ihren Platz, wer kümmert sich und wer erkennt an, was sie sind? Oder sind sie einfach nur zu schwach gewesen, zu voll von Zweifeln an sich und der Welt?

 

(Ich mein nicht mich. Da sind so viele mehr.)

Don’t cry, you’re making it worse

In meinem Traum ist alles auf einmal passiert, Spaziergänge, vergessene Taschen, Verwirrung an Fahrscheinautomaten, Sonnenschein, Verschwörung, Sabotagepläne, doppeltes Spiel, Verführung, und das alles findet statt in einer sich dauernd verändernden Stadt, Hamburg ist Paris ist Berlin ist Lissabon aus ineinander verschlungener Architektur, gotische Kirchen kollidieren mit modernen Hallen, mittelalterliches Pflaster saust über die Hügel, und dann stehe ich mit meiner Freundin in einer Universität und zeige nach oben ins kühn geschwungene Treppenhaus: Das hier ist ein bisschen wie in Freiburg, sage ich und habe ganz deutlich das Freiburger Treppenhaus vor Augen, von dem ich da rede, einen porzellenhellen Wahnsinn aus Schwanenhalstreppen, die sich über- und durcheinander schwingen unter einem organisch gewölbten Glasdach, halsbrecherisch eilige Rolltreppen, ein Raum wie ein Sommertag, aber grotesk, traumschön und schrecklich, und beim Aufwachen weiß ich: diesen Raum habe ich auch geträumt, aber in einer anderen Nacht. Das ist, als würden sich meine Träume von mir ablösen und in eine neue, eigene Welt verwandeln, in die ich Nacht für Nacht geworfen werde.

imm009_10

Ich wach auf und fühl mich scheußlich, erschöpft und steif, mir will nicht warm werden.

Wach auf

Meine Nächte, meine Träume sind eine Zeitlang ruhiger geworden, jetzt begehren sie wieder auf: schon in der Nacht auf Montag ist unendlich viel passiert, Orte, Personen und Konflikte strömen durch mich hindurch, so absurd wie intensiv, und beim Aufwachen kann ich sie nicht abschütteln: 

Ich bin in der Mensa verabredet, mit dir, aber ich finde dich nicht und begegne stattdessen Freundinnen von früher. Eine von ihnen nimmt uns alle mit in ihre WG und wir unterhalten uns über Mitbewohner und ihren Zwischenmieter, bis ich immer deutlicher merke, dass irgendwas an all dem nicht stimmt, ihr Mitbewohner ist zu seltsam, das zu vermietende Zimmer passt nicht zum Gespräch, und als es sich nicht mehr verbergen lässt, sagen sie: Du hast Recht. Wir sind nicht, wer wir vorgeben, in Wahrheit haben wir alle eine weitere, böse Persönlichkeit, und erinnerst du dich nicht? Du warst eine von uns, in dir steckt Luzifer persönlich, und wir wollen, dass du ihn heraus lässt.
Ich will nicht. Ich will ich bleiben und nicht der Teufel sein, und ich laufe davon durch Gänge und Tunnel und knarrende Türen, die Architektur ist überplastisch: ich rieche, spüre, sehe Licht und Dunkel, Trockenheit und Feuchte, Sonne und Kühle, Staub und Moder und Pflanzentriebe auf Stein, Holz, Ziegel und Eisen, und am Ende ist kein Ausweg mehr und zwischen mir und ihnen steht nichts als mein Wille.

Und heute? Ich bin Jessica Jones und muss ein Haus verteidigen gegen einen finsteren Eindringling, er ist ein riesiger, grauer Mann und vollkommen unverwundbar, aber um Zeit für meine Freunde zu gewinnen, kämpfe ich trotzdem gegen ihn mit aller Kraft, die ich habe. Und dann, immer noch Jessica, bin ich auf der Beerdigung meiner besten Freundin. Ich rede mit trauernden Angehörigen, meine Mutter steht dabei, und plötzlich ist die Szene anders: Ich rufe seine Mutter an, sage ich zu meiner Mutter, und sie nickt nur und hält mir den Rücken frei von den anderen Leuten. Denn jetzt ist es mein Exfreund, der gestorben ist, in einem Krankenhaus, und seltsamerweise weiß ich es als Erste, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesprochen habe, und ich muss es seiner Mutter sagen und weiß nicht, wie, ich weiß einfach nicht, wie. 
Und dann, mit einem Mal, ist es meine eigene Mutter, die gestorben ist, und das ist das Schrecklichste von allem. Ich komme mit meinem Vater und meinen Brüdern von der Beerdigung nach Hause und in der Küche liegt noch ein Zettel, den sie uns geschrieben hat, und als ich ihre Schrift sehe, fühl ich mich, als könnte ich nie wieder froh werden.

Das waren nur Träume, aber ich frag mich, ob sie mir etwas sagen wollen, ob irgendwas in mir im Argen liegt und sich mir auf diese Weise mitteilt.

17./18.08.

Ich tippe auf dem Handy, dabei kann ich das nicht leiden, aber eigentlich will ich auch schlafen und nicht tippen. Schlafen geht nur nicht, weil ich, Geniestreich, meine Tablette zu spät genommen und abends noch Kaffee getrunken habe. Wegen der Nachbarn liege ich mit Ohrstöpseln da, was bedeutet, dass ich auch den Regen auf den Dachfenstern nicht hören kann, und ich wär so gern bei Regen eingeschlafen. Sowieso kann ich in meiner Wohnung nicht so, wie ich will, weil meine Nachbarn mir die Stille wegnehmen und ich immer noch nicht weiß, was ich deswegen machen soll.

Ich bin unfroh, den ganzen Tag schon, der Nachmittag mit einer Freundin war schön, aber davor und danach, allein, ist irgendwas verkehrt. Ich erledige Sachen und versuche, mich zu entspannen, aber es geht nicht, ich bleibe unruhig und traurig und kann das nicht begreifen.

Im Second-Hand-Laden habe ich mich stürmisch in eine Lederjacke verliebt, die zu groß und zu teuer für mich ist; vielleicht ist es mein unerwidertes Verlangen, eine vergebliche Liebe, die mich wach hält. So eine wunderschöne Jacke war das, das glaubt ihr nicht, eine wilde Abenteurerin wär ich darin gewesen, kühn und verwegen wäre ich mit der Kamera durch den Herbst gestreift, und nichts hätte mir was anhaben können, nicht in dieser Jacke. Und am Abend wäre ich Richtung Sonnenuntergang geritten auf meinem treuen, schweren Schlachtross, das ich reite wie ein Rennpferd.