Mach was draus

Was soll das, ich bin nur jemand, der dreimal im Jahr einen Stift, einen Pinsel in die Hand nimmt, aber ihr erwartet, dass ich mich hinstellen soll und sagen: Künstlerin, das bin ich, und jetzt bezahlt mich dafür, mich, und nicht die anderen. Wie soll ich mir das anmaßen?

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Traum

Er ist ein Wunder, ein düsteres, schillerndes, überschäumendes Wunder. Wir begegnen uns, zum ersten oder zum dutzendsten Mal, es spielt keine Rolle, er ist die Antwort, das Gegenstück, der Schlüssel, mein Innerstes hat ihn immer schon gekannt.

Wir fühlen es beide. Es ist intellektuell, es ist körperlich, alles stimmt, alles ist Magie. Dunkle: wir reden Weltschmerz und Melancholie leibhaftig ins Zimmer, wir reisen in die schöpferische Nacht der Seele, wir kosten es aus, dass wir beide ihre schweren Blumen lieben: hier ist wahre Schönheit in unerträglicher Größe, alle Welt schaudert vor ihr, wir aber, wir sehen hin. Ja, wir haben uns gebraucht, gesucht, gefunden – wo aber soll die Reise hingehen, was sollen wir werden miteinander?

Er umfasst in großartiger Geste das verwandelte Zimmer, worin unser wildes Dunkel schon Einzug gehalten hat, verzaubert sind Teppiche und Möbel, unheimlich fast, als würde es spuken, aber wir, gemeinsam, sind unantastbar. Willst du das, fragt er, so würde es sein mit mir, das hier wären wir, dein Leben, für immer. – Und der Hutständer flüstert unheimlich, und die Teppiche rauschen wie das Meer. O ja, rufe ich stürmisch, die Arme um seinen Hals geschlungen, darauf habe ich doch gewartet, das wird unser Geheimbund sein, während wir Großes im Leben leisten. – Du missverstehst mich, sagt er. Die dunkle Macht und ihre finsteren Blumen, sie sollen kein Geheimnis in meinem Leben sein, sie sollen mein Leben werden. Ich will mich hineinwerfen in die Nacht – wir werden hinabsteigen an den tiefsten, schönsten Punkt, und dann werden wir verglühen wie Motten, wie umgekehrte Kometen. – Nein, schreie ich, bitte, lass uns am Leben bleiben und das Feuer nur streifen, es genügt, dass wir es erkannt haben. Und ich schreie vor Verzweiflung, denn zu zweit haben wir die Dunkelheit heraufbeschworen, zu zweit nur können wir sie bändigen, aber dort steht er und wendet sich ab, weil er in radikaler Konsequenz den Weg der Selbstzerstörung wählt; schon zischen Stuhl und Tisch bedrohlich. Schau doch hin, ruft er, das ist die Wirklichkeit von nun an, damit kannst du nicht einfach leben. – Damit werd ich schon fertig, sage ich finster, damit bin ich bisher immer fertig geworden – aber insgeheim graut mir vor dem langen, dunklen Weg und seinen Schrecken. Um uns wogt das fürchterliche Zimmer, Du warst das!, brüllt er, Du warst das!

Ich will ihm einen wilden, unartikulierten Wutschrei ins Gesicht schleudern, einen Schrei so stark und furchtbar, dass er ihn in die Knie zwingen, ihn zum Umkehren bewegen muss – – aber heraus kommt nur ein winziges Schluchzen, eine flehentliche, hilflose Bitte.

Traum

Ich trage ein kleines Pferd auf den Armen. Ich weiß nicht, wo ich es her habe, aber es war noch niemals an der frischen Luft und springt voll Staunen davon, durchs hohe Gras, über die taufeuchten Koppeln, auf denen andere Pferde stehen. Sie kommen zu mir und beraten mich, wie ich mit meinem Pferdchen umgehen soll. Ich rufe es her, um es zu bürsten, es ist so ungeheuer schmutzig.

Der Hund meiner Mutter ist zu mager und ich versuche sie zu überzeugen, dass er mehr Futter braucht. Unterm Fell sieht man Rippen und Wirbel.

Ich bin an einem großen Ort – eine Schule? eine Institution mit vielen Gebäuden, und etwas findet dort statt; jemand ruft: Feuer! Feuer!, der große Saal brennt – ich gehe nachschauen und finde eine Handvoll Kinder, die mit Papierstreifen in flammendem Orange aus den Fenstern winken, um uns alle reinzulegen.

Ich bin und bin nicht ich. Ich stecke in einer komplizierten romantischen Verwicklung mit einem flüchtig Bekannten, die noch komplizierter wird, als seine Mutter uns entdeckt. Ich mag seine Berührungen.

Ich gehe in ein Museum. Es ist riesig und hat neun Stockwerke und die Garderobe ist ganz oben. Die Treppe ist so seltsam, dass ich sie nicht benutzen kann, also nehme ich den Aufzug, einen kleinen Glaskasten mit weißen Verstrebungen. Als ich wieder nach unten fahre, verwandelt er sich in ein riesiges Wohnzimmer voll futuristischer Sitzmöbel. Im nächsten Stockwerk steigt ein junger Typ zu, ich werfe mich auffordernd aufs Sofa, er setzt sich zu mir und gerade, als ich die Hand nach ihm ausstrecken will, steigt ein ganzer Schwall Leute in den Aufzug. Ich suche mir einen bizarren Schaukelsessel und probiere, wie er schaukelt, und schaue von dort den anderen zu.

03.08./Wuuusch

Ich habe den Tag ohne Venlafaxin eigentlich ziemlich gut überstanden, abgesehen von einer unbegründet aufkommenden Panik im Alnatura, dem wohl harmlosesten Ort der Stadt. Ich fühle mich immer noch leicht versetzt zur Position meines Körpers in der Welt und wenn ich die Augen stark bewege, höre ich immer noch ein „Wuuusch“, aber mir ist nicht mehr schlecht und heute Vormittag war ich geradezu euphorisch. Und: Sex fühlt sich wieder an wie Sex.

Ich glaube, ich habe geträumt, ich wäre ein Pinguin in sehr schlechtem Anstellungsverhältnis und wollte eine Art Arbeitskampf organisieren.

Vor einigen Tagen hat jemand hier in der Gegend Gülle ausgebracht. Da ich unterm Dach wohne, sind im Sommer praktisch immer die Fenster offen. Den Geruch, liebe Freunde, kriegt man tagelang nicht aus der Wohnung.

Ich beantrage die Grundreinigung meiner Wohnung. Grumpy lehnt wiederholt ab.

In zwei Wochen fange ich im neuen Job an.

 

Weidenzweige

 

Traum

Ich träume, dass ich ein Kind gebäre.
Ich habe eben erst herausgefunden, dass ich schwanger bin, und denke: Ach, daher der dicke Bauch. Ich weiß, wer der Vater ist, nur spielt er gar keine Rolle; aber Freunde sind da und kümmern sich um mich, die ganze Zeit über, von dem Moment an, da ich von meiner Schwangerschaft erfahre, bis zum Ende im Krankenhaus. Einer davon ist mein Bruder.

Ich hab kein Kind gewollt und fürchte mich vor der Geburt, die unmittelbar danach folgt: ich kriege Bauchweh und gleichzeitig Panik, weil ich nicht weiß, in welches Krankenhaus ich soll, ich rufe meine Freundin an, die sich auskennt, und telefoniere lauter Kliniken durch, die alle keinen Platz mehr haben, bis auf eine, draußen wartet schon das Taxi und ich klettere hinein, mit Freunden, Bruder und einer großen weißen Bettdecke, die ich um meine Beine geschlungen habe, damit das Taxi keine Flecken kriegt.

Im Krankenhaus kümmern sich ein Arzt und eine Krankenschwester um mich, beide sind nett und beruhigend, ich liege in einem großen weißen Bett und fürchte mich, obwohl ich weiß, dass ich jetzt aufgehoben bin. Schockmoment: Wenn Sie intravenös ein Schmerzmittel verabreicht bekommen, dürfen Sie drei Monate lang nicht tanzen, steht auf einem Plakat. Ich flehe die Krankenschwester an, mir das Mittel irgendwie anders zu verabreichen, weil ich unmöglich so lange nicht tanzen kann, aber noch während wir diskutieren, ist schon alles vorbei: mein Kind ist da und alle gehen aus dem Zimmer, um es zu versorgen. Ich bleibe in den blutigen Decken zurück und denke, ich muss jetzt einfach ganz lange so liegen bleiben, dann ist alles wieder gut. Mein Körper wird wieder gut.

Immerhin ist es eine Tochter geworden, sage ich später zu irgendwem am Telefon. Das Kind, meine Tochter, aber kommt im ganzen Traum überhaupt nicht vor, ich sehe es nicht und halte es nicht, ich überstehe nur irgendwie, dass es zur Welt kommt. Aber ich such ihm einen Namen aus. –

 

Beim Aufwachen bin ich so aufgewühlt, dass ich ganz dringend mit jemand darüber reden will, aber es hat gerade keiner Zeit, der es auch verstehen würde. Warum hab ich das geträumt, was bedeutet das, bedeutet es was?

Berlin

 

Traum

Aus einem Reisebus steigt in eine sonnige, weitläufige Stadt eine Menge Leute; darunter zwei junge Männer, beide reisen allein und kennen einander nicht, beide sind schlank und schön und tragen langes Haar, der eine offen (hellbraun), der andere in einer komplizierten Frisur (blond), und beide tragen die hipsterigsten Hipsterklamotten, aber sie sehen grandios aus darin. Und zufällig haben sie die gleichen roten Schuhe, und darauf möchte der Blonde den Braunen gerne ansprechen, weil es nur irgendeinen Aufhänger braucht, denn sie sind, jeder sieht es und sie sehen es auch, unverrückbar füreinander bestimmt.
Aber der schöne Braunhaarige antwortet nur ausweichend und verschwindet einfach unter den anderen Menschen, „He!“, ruft der schöne Blonde, „warte!“, aber der andere wartet nicht, er läuft davon, obwohl er wissen muss, dass der Blonde die Liebe seines Lebens ist, und der Blonde heftet sich an seine Fersen, entschlossen, sich ebendiese Liebe nicht entgehen zu lassen, weil nie wieder eine Liebe so groß sein wird wie diese, sowas spürt man.
Mit immer größerem Vorsprung hastet der Braune durch steile, enge Gassen, endlich hinaus aus der Stadt, weil sein Verfolger sich nicht abschütteln lässt, bis er ihm schließlich doch entwischt. Der blonde Mann steht auf verlassenem Waldweg zwischen düsteren Tannen und greift zu einer List. Er hat während seiner Verfolgungsjagd eins und eins zusammengezählt und weiß inzwischen, dass der Mann seiner Träume ein Vampir sein muss, denn das ist der einzige plausible Grund, vor der großen Liebe davonzulaufen. Da der blonde Mann das aber nicht als Hindernis empfindet, will er seinen Vampir immer noch erwischen, und wie lockt man Vampire an? – Natürlich mit Blut.
Er ritzt sich also vorsichtig ein paar Kratzer in die Haut, zuerst am Arm, dann, ganz oder gar nicht, am Hals, was gleich doppelt so verlockend ist für einen Vampir, und der taucht prompt wieder auf und geht seinem von nun an Liebsten an die Kehle.
Es folgen geflüsterte Versprechen und zurückgehaltene Begierde, außerdem die Erklärung, warum der Vampir der Liebe auf den ersten Blick davongelaufen ist: seine Familie, alles ganz schlimme, konservative Vampire, sind garantiert dagegen, dass er einen sterblichen Menschen heiratet, und was macht man als Vampirfamilie in diesem Fall? – Natürlich den drohenden Schwiegersohn austrinken. Nur aus Liebe, um den Mann seines Lebens vor der Familie zu beschützen, ist der schöne junge Vampir also davongelaufen.
Jetzt muss ein neuer Plan her, und der ist schnell und einfach gefunden: eine heimliche Hochzeit mit Konversion auf dem Vampirstandesamt (in einem hohen, hölzernen Glockenturm, zwischen dessen Brettern der strahlend blaue Himmel hereinschaut). Der Blonde ist der einzige Nichtvampir und zuerst haben sie ein bisschen Angst, dass einer der fremden Vampire, die auch heiraten wollen, über ihn herfällt, aber die Anwesenden sind alle sehr aufgeschlossen und freundlich und begrüßen, dass das junge Paar trotz aller Unterschiede heiraten will. Und das tut es auch, und der Blonde wird von seinem schönen braunhaarigen Ehemann zum Vampir gebissen, und die Familie kann ihm nichts mehr anhaben, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und treiben es schamlos auf Vampirart.

Ende.

Auch Traum: unruhige Nächte

Nach meinen geträumten Gespenstern wache ich auf und bin klatschnass von oben bis unten. Das kenn ich nicht von mir. Als ich endlich wieder einschlafe, träume ich weiter: dass ich mit einem Mann zusammen bin, der aussieht wie Jason Momoa, was mich selbst im Traum ein bisschen durcheinander bringt, weil jemand, der so aussieht wie er, mit jemandem wie mir eigentlich nicht viel gemeinsam haben kann, und so ist es dann auch und ich verlasse ihn nach zwei Jahren wieder.
Bevor ich ihn verlasse, passiert aber natürlich alles Mögliche, wie das in zwei Jahren Beziehung eben so ist, Familiendramen inklusive, außerdem schon wieder: Stadtbesichtigungen. Meine Träume mögen alte Städte und Architektur. Warum?