Narben, Wunden, Salz, Feuer

Wie lange hast du im Bad gestanden? Zwei Stunden. Und das dafür – aber du bist selbst schuld, so viel zu hoffen, war dein Fehler.

Aber du hast es versucht, sagen freundlichere Stimmen, ist es nicht wundervoll und mutig, dass du es versucht hast? – Nein, will ich ihnen antworten, eine Aneinanderreihung von gescheiterten Versuchen ist bei weitem kein Erfolg, und Scheitern macht mich nicht froh und ich bin es leid, keinen Fußbreit zu gewinnen, jeder neue Anlauf beginnt exakt am Ausgangspunkt und alle Welt ist lang an mir vorbeigezogen.
Einmal habe ich angefangen zu existieren, aber ich weiß nicht, wo das passiert sein soll, denn wo immer ich hingehe, ist kein Platz für mich. Ich hänge am Rand des Bildes, so durchsichtig, dass ich selbst nicht weiß, ob ich für andere sichtbar bin, ein Grauschleier, eine Bildstörung, ein Fleck auf dem Abend.

Oh, aber ich soll nicht übertreiben, denn so geht die Wahrheit: Dus Freunde und ich haben nichts gemeinsam und es hatte gar nicht gutgehen können, das ist nicht meine Schuld; und später, beim Tanzen – ich bin angekommen und war schon fast kein Mensch mehr, und ich mag die Band nicht, und das ist keine einfache Situation – das also war kein einfacher Abend und es ist okay, dass er nicht besser lief, okay, enttäuscht zu sein, aber bitte in vernünftigen Maßen. Ich bin nicht vernünftig. Ich brenne vor Wut.
Ich will hässlich, kalt und destruktiv zu Du sein, der nichts dafür kann. Ich will ein Haus anzünden. Ich will aus Eis sein.

Jemand will darüber diskutieren, ob es in Ordnung ist, Kinder auf die Welt zu bringen, ohne sie zu fragen. Ich wünschte, jemand hätte mich gefragt.

Ich gehe nach Hause und schreibe einen wirren, bitteren Text wie ein sozial inkompetenter Idiot und zeichne mit

Gregor der Käfer.

 

 

Was Hänschen nicht lernt

Ich bin froh, aber Frohsein überfordert mich so sehr, dass ich stattdessen lieber wieder in Lähmung und Gleichgültigkeit falle. Die kenn ich wenigstens.

Hallo, wie geht’s

Was soll das denn, was wollt ihr von mir, warum pfeift ihr eure Hunde nicht zurück, die sich in meine Arme und Beine verbeißen? Da hängen sie, jaulen und knurren, und ihr sagt: Du wolltest doch einen Hund.
Aber diesen nicht!, schreie ich und trete nach ihm, Und nicht so einen! Und den da auch nicht, und den, und den, und den!
Was denn dann, sagt ihr, während ihr am Horizont immer kleiner werdet. Ich bleibe zurück, ich bin ein paar Teile in einem Knäuel aus Fell und und Zähnen und zerkauten Gliedmaßen, es schmatzt und jault, Hundespeichel ist, was mich zusammen hält.

Diese wirre Zeit

Ich weiß nicht, was ich bin. Ich versuche, ein Leben auszufüllen, das eine andere Person so angelegt hat, aber alles darin ist so seltsam: die Blumen, die Einrichtung, die vielen Gegenstände, die mir sagen, ich müsste an ihnen hängen – aber warum? – , und lauter Entscheidungen, von einem entfernten Ich getroffen, deren Konsequenzen ich jetzt tragen soll – und ich geb mir ja Mühe, aber das alles ergibt keinen Sinn, kein zusammenhängendes Bild, ich bin ein müder kleiner Hamster, der nicht weiß, wie er ins Laufrad gekommen ist.

Zugfahrt zu dritt

Ich sitze im Zug nach Berlin, am Fenster, aber ich gucke nicht raus, sondern Grumpy an, der mir gegenüber sitzt und nicht einverstanden ist.

Was soll das jetzt wieder?, fragt er. Wir könnten zuhause auf dem Balkon sitzen, das ganze Wochenende lang, und stattdessen müssen wir nach Berlin? Was haben wir mit Berlin zu tun?!

Das weißt du genau, sage ich. Wir gehen ins Museum und treffen den bösen Typen aus der Schule und wir haben einfach ein schönes Wochenende, so wie normale Leute.

Normal!, faucht er. Wir sind nicht normal! Ich hasse wegfahren! Berlin ist zu groß! Du bist zu klein! U-Bahn! Fremde Straßen! Unwägbarkeiten! Gefahr, Gefahr! Und wer ist überhaupt der Typ neben dir?

Freund von mir, murmle ich, weil Grumpy mich schon ein bisschen eingeschüchtert hat.

So so, sagt er und verschränkt die Arme. Den hab ich ja noch nie gesehen. Der ist die ganze Zeit dabei? Ich vertrag mich nicht die ganze Zeit mit jemand, kannste vergessen.

Freitag bin ich allein, sage ich.

Da reißt er die Augen auf und brüllt: Allein?! Wie sollen wir denn allein zurechtkommen? Eine blöde Idee ist das, das alles, eine richtig blöde Idee.

Vielleicht wird’s aber auch einfach schön, sage ich, aber er schnaubt nur und guckt ab jetzt beleidigt aus dem Fenster.

Kurs auf Eisberg

Was machst du für Sachen?

Das hier mache ich:
Heute Abend ist ein Wohnzimmerkonzert in einer befreundeten WG, das ich mitorganisiere. Und morgen, gleich nachdem wir den Musiker versorgt und zum Bahnhof gebracht haben, fahre ich zu meinen Eltern.
Knapp, aber machbar, vielleicht, nur: mein Körper ist müde und unerholt, am Mittwoch habe ich meine letzte Tablette genommen und es nicht geschafft, mir ein neues Rezept für die nächsten zu holen, die letzte Nacht war zu kurz, die nächste wird es auch, ich muss noch packen, ich soll Auto fahren, die WG dekorieren, und meine Wohnung sieht seit Wochen aus wie Scheiße.
Es ist alles zu viel, ich bin völlig fertig, ich weiß nicht, was der Mangel an Schlaf und Venlafaxin in meinem Organismus veranstalten, aber ich kann gerade so aufrecht sitzen, mein Kopf ist nicht klar und mein Körper ist es auch nicht.
Was gestern noch Vorfreude auf das Konzert und den Abend mit Freunden war, ist jetzt blanke Panik, ich hab gedacht, ich kann das, ich hab Angst gehabt, ich könne es doch nicht, ich merke, ich kann’s wirklich nicht.

Aber jetzt ist es da. Wie soll das gehen.

26.09./shutdown

Ich sitze verstört bei meiner Therapeutin und beschreibe, wie es mir geht (Mayday! Mayday!), und sie sagt: Das hört sich ja auch ganz schön schwierig an.
Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen: dass vielleicht wirklich alles gerade gar nicht so einfach ist. Der versprochene Arbeitsvertrag hängt seit Wochen irgendwo in einer unübersichtlichen Bürokratie fest, und ich hab Angst, mir einen anderen Job zu suchen, den ich dann wieder nicht hinkriege; aber in der Zwischenzeit weiß ich nicht, wovon ich essen soll. Ich bin nicht gut mit Geld, sowie ich es habe, zerrinnt es mir unter den Fingern. Tha. Das ist ein beständiger Druck und ich möchte, dass er weggeht – was für eine Erleichterung das wäre, so viel hängt daran. Mein schlechtes Gewissen schlägt brüllend mein leichtes, sorgloses Ich zusammen, weil es impulsiv Kinotickets und eine Lederjacke und Kekse gekauft hat.

Und ich – bin das Fass, dem irgendwas den Boden ausgeschlagen hat, alles rinnt durch mich hindurch und ich bleib leer. Etwas war zu viel und ich hab’s nicht kommen sehen. Ich seh’s nie kommen. Erst als es schon so weit ist, zieh ich die Reißleine, verbringe zwei Tage am Stück im Bett, halte vier Verabredungen nicht ein, schaffe es nichtmal unter die Dusche und krieche am dritten Tag mühsam wieder nach draußen, zu meiner Therapeutin.
Das ist heute. Als ich danach durch die Stadt gehe, ist schon jeder Passant zu viel Aufruhr, kurz vorm Zerspringen krieche ich durch die Straßen, schleppe mich nach Hause und weiß: dieser Zustand muss ein Ende haben. So tief bin ich lang nicht mehr gefallen und ich kann’s mir auch nicht leisten.

IMM022_N22

(Wie seltsam, das alles ins Internet zu schreiben, an niemanden gerichtet, für jeden sichtbar, gelesen von wer weiß, wem.)