Kurs auf Eisberg

Was machst du für Sachen?

Das hier mache ich:
Heute Abend ist ein Wohnzimmerkonzert in einer befreundeten WG, das ich mitorganisiere. Und morgen, gleich nachdem wir den Musiker versorgt und zum Bahnhof gebracht haben, fahre ich zu meinen Eltern.
Knapp, aber machbar, vielleicht, nur: mein Körper ist müde und unerholt, am Mittwoch habe ich meine letzte Tablette genommen und es nicht geschafft, mir ein neues Rezept für die nächsten zu holen, die letzte Nacht war zu kurz, die nächste wird es auch, ich muss noch packen, ich soll Auto fahren, die WG dekorieren, und meine Wohnung sieht seit Wochen aus wie Scheiße.
Es ist alles zu viel, ich bin völlig fertig, ich weiß nicht, was der Mangel an Schlaf und Venlafaxin in meinem Organismus veranstalten, aber ich kann gerade so aufrecht sitzen, mein Kopf ist nicht klar und mein Körper ist es auch nicht.
Was gestern noch Vorfreude auf das Konzert und den Abend mit Freunden war, ist jetzt blanke Panik, ich hab gedacht, ich kann das, ich hab Angst gehabt, ich könne es doch nicht, ich merke, ich kann’s wirklich nicht.

Aber jetzt ist es da. Wie soll das gehen.

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26.09./shutdown

Ich sitze verstört bei meiner Therapeutin und beschreibe, wie es mir geht (Mayday! Mayday!), und sie sagt: Das hört sich ja auch ganz schön schwierig an.
Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen: dass vielleicht wirklich alles gerade gar nicht so einfach ist. Der versprochene Arbeitsvertrag hängt seit Wochen irgendwo in einer unübersichtlichen Bürokratie fest, und ich hab Angst, mir einen anderen Job zu suchen, den ich dann wieder nicht hinkriege; aber in der Zwischenzeit weiß ich nicht, wovon ich essen soll. Ich bin nicht gut mit Geld, sowie ich es habe, zerrinnt es mir unter den Fingern. Tha. Das ist ein beständiger Druck und ich möchte, dass er weggeht – was für eine Erleichterung das wäre, so viel hängt daran. Mein schlechtes Gewissen schlägt brüllend mein leichtes, sorgloses Ich zusammen, weil es impulsiv Kinotickets und eine Lederjacke und Kekse gekauft hat.

Und ich – bin das Fass, dem irgendwas den Boden ausgeschlagen hat, alles rinnt durch mich hindurch und ich bleib leer. Etwas war zu viel und ich hab’s nicht kommen sehen. Ich seh’s nie kommen. Erst als es schon so weit ist, zieh ich die Reißleine, verbringe zwei Tage am Stück im Bett, halte vier Verabredungen nicht ein, schaffe es nichtmal unter die Dusche und krieche am dritten Tag mühsam wieder nach draußen, zu meiner Therapeutin.
Das ist heute. Als ich danach durch die Stadt gehe, ist schon jeder Passant zu viel Aufruhr, kurz vorm Zerspringen krieche ich durch die Straßen, schleppe mich nach Hause und weiß: dieser Zustand muss ein Ende haben. So tief bin ich lang nicht mehr gefallen und ich kann’s mir auch nicht leisten.

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(Wie seltsam, das alles ins Internet zu schreiben, an niemanden gerichtet, für jeden sichtbar, gelesen von wer weiß, wem.)

Viel

Ein Wochenende voller Menschen, Nähe, Geborgenheit: ein Freund war zu Besuch, und jetzt habe ich ihn zum Bahnhof gebracht und finde mich vor der Universität wieder unter all diesen jungen, eiligen Menschen, und ich denke: Wie kann das hier zu mir gehören? Wie kann es sein, dass ein so seltsamer Ort Teil meines Lebens sein soll, all dieses Kommen und Gehen, jeder auf seinem eigenen Weg, wie kann es sein, dass ich mich hier hineingeworfen habe, in diese beständig wispernde Maschinerie mit ihren tausend Rädchen und Regelchen, wie soll ich all das im Blick behalten und dabei meine eigenen Füße nicht übersehen, wie sie mich auf einem krausen Pfad durch das absonderliche Geflecht zu tragen suchen.