Schräge Vögel, wir

Ich bin Uni. Die Vorlesungen der Kunstgeschichte erkennt man an den ausgesucht schicken Seniorenstudent*innen (die übrigens immer am pünktlichsten sind), denn wer was mit Kunst zu tun hat, ist schließlich auch ein bisschen künstlerisch, also exzentrisch, nicht wahr. Die Studierenden sind auch exzentrisch und sie alle nerven mich damit, dabei laufe ich heute selber in Klamotten rum, die brüllen: Persönlichkeit! Viel davon! Am meisten!! Ich sehe nämlich aus wie ein Cowboy, oder wie eine horse woman, und die Leute gucken mich auch so an. Ich hätte gerne ein Pony dabei, die Flinte am Sattel und den Hund bei Fuß, und eine entlaufene Kuh im Lasso, dann wäre das gerechtfertigt mit meinen Klamotten, aber so komme ich mir ein bisschen verkleidet vor. Blöde exzentrische Kunsthistorikerinnen! (Und Kunsthistoriker. Die sind nicht besser, die sind nur weniger.)

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12.10.

Gestern: kaputter Tag, Un-Tag, bis ich es doch noch in die Bibliothek schaffe, und dort: kommt das Glück per Fernleihe. Western Women Travelling East, ein massiver Bildband über die Reiseberichte von Frauen, die in den Orient (ja ja, es gibt keinen Orient, wir wissen das, wir machen es uns trotzdem einfach) gereist sind.
Plötzlich liegt alles in mir wieder an seinem Platz. Hier ist mein Thema für die Masterarbeit. Ich will.

Ich will sogar am nächsten Morgen noch, wache auf, bin fröhlich und heil. Von einem Schiff habe ich geträumt, das gleich hinter der Bibliothek ablegt, der Tag ist blau und hoch und sonnig; ich stehe in der Schlange, um mein Ticket für die Rundfahrt zu bezahlen. Ich hab das Geld genau abgezählt und lege es der Verkäuferin hin, die mich erstaunt anguckt: „Kein Dessert?“
Rundfahrt mit Dessert kostet nämlich ein bisschen mehr, aber nicht viel, deshalb kauft niemand nur das Ticket, so wie ich. Ich hab nicht genug Geld.
„Kein Problem“, sagt die Verkäuferin und lächelt.  Es gebe nämlich etwas auf dem Schiff, das genau so toll ist wie das Dessert, und zwar: eine Schiffschaukel.
Und die kostet nichts.

Mission

Es ist aber unumgänglich, dass ich mich heute aus dem Haus bewege, obwohl ich einen Fahrradunfall hatte und mein Knie wehtut, denn erstens habe ich jetzt lange genug auf dem Balkon gesessen und das Bein geschont, und zweitens habe ich ja mir selbst und der Klinik und meiner Therapeutin erklärt, dass ich eben doch meinen Masterabschluss haben will. Und den kriege ich nicht auf dem Balkon. Da studiere ich Blumen und Käfer, aber keine Kunstgeschichte.

In die Bibliothek gehen fühlt sich immer so groß an. Nicht wie etwas Alltägliches, sondern wie eine Aufgabe, die außergewöhnlichen Mut erfordert, also schön: ich werde mein Siebensachen packen und auf alles vorbereitet sein, ich werde mich bewaffnen und rüsten und wappnen und auf meinem Streitross aufbrechen wie gegen einen bösen Drachen, ich werde furchtlos blicken und innerlich zittern und streiten und siegen und einen Sessel im Lesesaal erobern und besetzen.

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Viel

Ein Wochenende voller Menschen, Nähe, Geborgenheit: ein Freund war zu Besuch, und jetzt habe ich ihn zum Bahnhof gebracht und finde mich vor der Universität wieder unter all diesen jungen, eiligen Menschen, und ich denke: Wie kann das hier zu mir gehören? Wie kann es sein, dass ein so seltsamer Ort Teil meines Lebens sein soll, all dieses Kommen und Gehen, jeder auf seinem eigenen Weg, wie kann es sein, dass ich mich hier hineingeworfen habe, in diese beständig wispernde Maschinerie mit ihren tausend Rädchen und Regelchen, wie soll ich all das im Blick behalten und dabei meine eigenen Füße nicht übersehen, wie sie mich auf einem krausen Pfad durch das absonderliche Geflecht zu tragen suchen.

Danke

… an meine Betreuerin für die Masterarbeit, die das doch nicht sein soll, wie ich ihr in einer sehr knappen E-Mail zum Abbruch meines Studiums mitteile, denn sie schreibt zurück: dass sie alles versteht und sich freuen würde, wenn ich mich wieder melde; dass ich immer zurückkommen und meine Masterarbeit bei ihr schreiben kann. Das ist die schönste Antwort, die ich mir hätte vorstellen können.

Ich kann Ursache und Wirkung nicht mehr trennen, wenn ich über dieses Studium nachdenke. Bin ich unglücklich durch das Studium, oder macht mein Unglück, dass ich nicht studieren kann? Bin ich im Begriff, etwas aufzugeben, das ich hätte lieben können?

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18.05.

In meinem Tagebuch steht heute:

Ich glaube, dass ich mein Studium abbrechen werde. Melde mich in einer Wäscherei, um halbtags als Fahrerin zu arbeiten, für zwei Monate, bis ich weiß, was ich sonst tun soll. Ist das die richtige Entscheidung? Ich habe Angst. Das hier ist mein Leben, und ich habe noch nie Verantwortung dafür übernommen. Wenn ich jetzt eine falsche Entscheidung treffe, ist mein erster eigener Schritt ein Fehler.

 

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17.05.

Heute war ich probearbeiten. Es hat Spaß gemacht, der Job ist sogar entspannt, wir machen zweimal Kaffeepause und sind trotzdem eine halbe Stunde früher fertig als erwartet. In diesen sechs Stunden habe ich nur ein einziges Mal an den Mann gedacht, der sonst mein ganzes Denken okkupiert, und mich überhaupt sehr okay gefühlt.

Zuhause besänftige ich die Nachbarn, die wegen der Fahrräder im Treppenhaus auf dem Kriegspfad sind, und lese von meinem Brieffreund: Schmeiß das Studium nicht hin, du bist doch eine tolle Kunsthistorikerin.
Woher er das nun wissen will?

Da hat er was mit Vati gemeinsam. Beide überschätzen mich, ohne zu wissen, wovon sie reden. Sind Sie auch nicht zu bescheiden?, hat die Psychologin gefragt. Nein, sage ich, weil ein hingerotzter Sprachkurs an der Uni nicht bedeutet, dass ich Türkisch spreche; eine tolle Kunsthistorikerin braucht neben Begeisterung auch ein solides Wissen – und Lust, sich drei Jahre an einer Promotion* abzuarbeiten.

Ich bin das Studieren müde. Das ist ein Kampf, den ich gegen mich selbst verloren gebe, aber „müde“ zählt nicht gegenüber Vätern und Brieffreunden, auch „unglücklich“ zählt nicht, ist ja auch absurd, wegen Müdigkeit und Unglück das hinzuschmeißen, was nur noch die Masterarbeit ist. Es ist aber seit zwei Jahren nur noch die Masterarbeit: das wird halt nix.

Bitte nicht widersprechen, nur Liebe und Verständnis ausdrücken, danke.

 

*No! freaking! way!

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