Zum Bersten

Was in mir wohnt, ist unberechenbar. Aus dem Nichts fällt es über mich her, ganz Zähne und Klauen, wo ich eben noch geglaubt habe, es sei besänftigt. Was willst du?, rufe ich in die Dunkelheit; aber es schweigt ein dröhnendes, unerbittliches Schweigen.

Who will comfort me

Als ich heute gegen neun das Haus verlasse, setze ich einen Entschluss um, den ich gegen Mittag gefasst habe. Ich brauche etwa acht Stunden von dem Wunsch zu gehen bis jetzt, wo ich wirklich gehe, wegen der Unordnung in mir. Ich stell mir vor, dass ich inwendig aus lauter Schränken bestehe, Räume voller Schränke, und jeder Schrank besteht nur aus Schubladen. Ich such was – irgendwas, mein Herz, meine Batterie, meinen Kern, und ich mach all die Schubladen auf und in jeder hockt ein kleines Unglück und keine einzige geht wieder zu, jetzt herrscht knietiefes Durcheinander aus Schubladen, Schränken und den hopsenden, quakenden, quietschenden, krabbelnden Unglücken, die ihre dicken Bäuche durch den Wirrwarr schleppen.

Und ich, noch immer ohne Kern, ohne Herz, ohne Sinn, steh da und weiß, ich muss das wieder aufräumen, aber ich hab solche Angst davor, es nicht zu schaffen.

Warum hilft mir denn keiner, frage ich. – Du bist selber schuld und musst selber aufräumen, sagt eins der Unglücke, ein großes, gelbes.

 

Marktstand Basel (2)

Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.

Gib a Ruh

Das war ein Tag, wie er schöner nicht hätte sein können, von vorn bis hinten – todmüde vom Glück lieg ich neben dir und es ist schön, da zu liegen, aber grad, als ich da angekommen bin, springt etwas auf und beginnt, in mir herumzurasen. Mein Kopf wird nicht leise und mein Körper nicht bequem, in mir ist so ein Getöse, das kann keiner aushalten. Ich tappe in die Küche und hör dem Kühlschrank zu, wie er brummt, das hilft ein bisschen, aber als er plötzlich schweigt, ist in mir immer noch ein Höllenlärm.

Durch Angst und Schmerz wurden wir Seelen

Ich wache auf und heute kommt meine Freundin nicht vorbei und ich bin allein und elend, zerschlagen nach einer Nacht, in der ich an hundert verschiedenen Orten war und unter abertausend Menschen. Am Morgen finde ich mich allein in der Wohnung wieder, mein unausgeruhter Geist bewohnt einen bleiernen Körper und beide finden keinen Einklang.
In flatternden Partikeln habe ich mich verfangen in den Gefühlen der letzten Tage, die niemand geordnet hat, niemand ist gegangen und hat sie angesehen und ihnen zugeredet und sie besänftigt und endlich hereingeholt, damit sie im Trockenen nebeneinander schlafen können. Noch toben sie draußen über die vergangenen Felder und geraten langsam außer Sicht, aber sie hinterlassen kleine Strudel in der Luft, wenn sie verschwinden: ein Sturm wächst heran und ich bin so müde.

Wie läuft die Jobsuche?, fragen alle, weil sie nicht wissen, dass die Zeit in solchen Stürmen anders vergeht: länger sind die Stunden zwischen Entschluss und Ausführung, und eigentlich befinde ich mich noch immer mitten im letzten Orkan.

Don’t cry, you’re making it worse

In meinem Traum ist alles auf einmal passiert, Spaziergänge, vergessene Taschen, Verwirrung an Fahrscheinautomaten, Sonnenschein, Verschwörung, Sabotagepläne, doppeltes Spiel, Verführung, und das alles findet statt in einer sich dauernd verändernden Stadt, Hamburg ist Paris ist Berlin ist Lissabon aus ineinander verschlungener Architektur, gotische Kirchen kollidieren mit modernen Hallen, mittelalterliches Pflaster saust über die Hügel, und dann stehe ich mit meiner Freundin in einer Universität und zeige nach oben ins kühn geschwungene Treppenhaus: Das hier ist ein bisschen wie in Freiburg, sage ich und habe ganz deutlich das Freiburger Treppenhaus vor Augen, von dem ich da rede, einen porzellenhellen Wahnsinn aus Schwanenhalstreppen, die sich über- und durcheinander schwingen unter einem organisch gewölbten Glasdach, halsbrecherisch eilige Rolltreppen, ein Raum wie ein Sommertag, aber grotesk, traumschön und schrecklich, und beim Aufwachen weiß ich: diesen Raum habe ich auch geträumt, aber in einer anderen Nacht. Das ist, als würden sich meine Träume von mir ablösen und in eine neue, eigene Welt verwandeln, in die ich Nacht für Nacht geworfen werde.

imm009_10

Ich wach auf und fühl mich scheußlich, erschöpft und steif, mir will nicht warm werden.

Mal wieder

So ein Tag: ich laufe in mir auf und nieder und rufe, Wir könnten spazieren gehen! Wir müssen in die Bibliothek! Schau, was für ein schöner Tag! Ich will nicht mehr stillsitzen. Oder können wir zumindest einen Brief schreiben? Lass uns was tun!
Aber ich, die ich mich da drinnen höre, komme nicht vom Fleck. Nicht vom Stuhl, nicht aus der Tür. Warum? Das passiert so oft.