Vorm Einschlafen

Außerdem, was soll das sein mit diesem Typen, kommt nett und unauffällig in mein Leben, hier funkt gar nichts, sage ich ihm, als wir uns wiedersehen, aber von da an denk ich nur noch, dass er mich anfassen soll, und wie. Er macht mich wütend und hungrig, aber auf eine Art, die mir nicht passt, außerdem: er passt mir nicht. Er ist nicht, was ich mir vorstelle, schließlich soll mich nur der fabelhafteste Mann der Welt bekommen, mich Kollektiv verpasster Möglichkeiten und verwelkter Träume.

Who will comfort me

Als ich heute gegen neun das Haus verlasse, setze ich einen Entschluss um, den ich gegen Mittag gefasst habe. Ich brauche etwa acht Stunden von dem Wunsch zu gehen bis jetzt, wo ich wirklich gehe, wegen der Unordnung in mir. Ich stell mir vor, dass ich inwendig aus lauter Schränken bestehe, Räume voller Schränke, und jeder Schrank besteht nur aus Schubladen. Ich such was – irgendwas, mein Herz, meine Batterie, meinen Kern, und ich mach all die Schubladen auf und in jeder hockt ein kleines Unglück und keine einzige geht wieder zu, jetzt herrscht knietiefes Durcheinander aus Schubladen, Schränken und den hopsenden, quakenden, quietschenden, krabbelnden Unglücken, die ihre dicken Bäuche durch den Wirrwarr schleppen.

Und ich, noch immer ohne Kern, ohne Herz, ohne Sinn, steh da und weiß, ich muss das wieder aufräumen, aber ich hab solche Angst davor, es nicht zu schaffen.

Warum hilft mir denn keiner, frage ich. – Du bist selber schuld und musst selber aufräumen, sagt eins der Unglücke, ein großes, gelbes.

 

Marktstand Basel (2)

Wie denn, was denn

Vor zwei Wochen hat meine Freundin geheiratet, unter den Gästen ein Freund von ihr, den seh ich zum ersten Mal und weiß: Cute. Er macht den Mund auf und ich denke, wir haben nichts gemeinsam, und das denke ich noch immer, jetzt, wo er mich morgen besuchen kommt.

Entschuldigung, was machst du da?, fragt etwas in mir, entrüstet und besorgt. Ergibt das etwa Sinn?

Grumpy wirft ein, dass wir jetzt für den Typen die Wohnung aufräumen müssen und er darauf echt keinen Bock hat.

Mein besorgter Teil sagt: Wenn es doch eh nicht passt. Nur unnötiger Stress, und dann am Ende anstrengende Gespräche und Enttäuschung.

Warum kommt der überhaupt? Auf der Hochzeit hab ich kaum mit ihm geredet, hinterher schreib ich ihm: Treffen wir uns?, weil es in mir knistert, wenn er in der Nähe ist, und er antwortet: Klar doch. – Find ich gar nicht so klar, aber trotzdem schön. Ich freu mich auf das Wochenende.

Nur dass ein weiterer Teil von mir auf deinem Rücken hockt und sich mit beiden Ärmchen um deinen Hals klammert, weil wir dein Vogelgesicht und dein Lächeln so sehr mögen und weil wir gerne neben dir liegen in der Nacht, und weil wir uns so ungewöhnlich wohl fühlen in deiner Gegenwart. Und ich möchte immer noch mehr herausfinden über dich/dich und mich in unserem seltsamen, unaufgeregten Verhältnis – auf das uns einzulassen wir nicht mit Haut und Haaren bereit zu sein scheinen, wir beide nicht. Das ist ein Widerspruch, den ich nicht aufgelöst bekomme.

Es ist überhaupt alles voller Widersprüche. Dass ich keine Lust hatte, dir das alles zu sagen, weil du von selbst nicht darüber redest außer in Randbemerkungen, jetzt aber alles hier aufschreibe, wo ich genau weiß, dass du es lesen wirst: widersprüchlich.

Diese wirre Zeit

Ich weiß nicht, was ich bin. Ich versuche, ein Leben auszufüllen, das eine andere Person so angelegt hat, aber alles darin ist so seltsam: die Blumen, die Einrichtung, die vielen Gegenstände, die mir sagen, ich müsste an ihnen hängen – aber warum? – , und lauter Entscheidungen, von einem entfernten Ich getroffen, deren Konsequenzen ich jetzt tragen soll – und ich geb mir ja Mühe, aber das alles ergibt keinen Sinn, kein zusammenhängendes Bild, ich bin ein müder kleiner Hamster, der nicht weiß, wie er ins Laufrad gekommen ist.

Wach auf

Meine Nächte, meine Träume sind eine Zeitlang ruhiger geworden, jetzt begehren sie wieder auf: schon in der Nacht auf Montag ist unendlich viel passiert, Orte, Personen und Konflikte strömen durch mich hindurch, so absurd wie intensiv, und beim Aufwachen kann ich sie nicht abschütteln: 

Ich bin in der Mensa verabredet, mit dir, aber ich finde dich nicht und begegne stattdessen Freundinnen von früher. Eine von ihnen nimmt uns alle mit in ihre WG und wir unterhalten uns über Mitbewohner und ihren Zwischenmieter, bis ich immer deutlicher merke, dass irgendwas an all dem nicht stimmt, ihr Mitbewohner ist zu seltsam, das zu vermietende Zimmer passt nicht zum Gespräch, und als es sich nicht mehr verbergen lässt, sagen sie: Du hast Recht. Wir sind nicht, wer wir vorgeben, in Wahrheit haben wir alle eine weitere, böse Persönlichkeit, und erinnerst du dich nicht? Du warst eine von uns, in dir steckt Luzifer persönlich, und wir wollen, dass du ihn heraus lässt.
Ich will nicht. Ich will ich bleiben und nicht der Teufel sein, und ich laufe davon durch Gänge und Tunnel und knarrende Türen, die Architektur ist überplastisch: ich rieche, spüre, sehe Licht und Dunkel, Trockenheit und Feuchte, Sonne und Kühle, Staub und Moder und Pflanzentriebe auf Stein, Holz, Ziegel und Eisen, und am Ende ist kein Ausweg mehr und zwischen mir und ihnen steht nichts als mein Wille.

Und heute? Ich bin Jessica Jones und muss ein Haus verteidigen gegen einen finsteren Eindringling, er ist ein riesiger, grauer Mann und vollkommen unverwundbar, aber um Zeit für meine Freunde zu gewinnen, kämpfe ich trotzdem gegen ihn mit aller Kraft, die ich habe. Und dann, immer noch Jessica, bin ich auf der Beerdigung meiner besten Freundin. Ich rede mit trauernden Angehörigen, meine Mutter steht dabei, und plötzlich ist die Szene anders: Ich rufe seine Mutter an, sage ich zu meiner Mutter, und sie nickt nur und hält mir den Rücken frei von den anderen Leuten. Denn jetzt ist es mein Exfreund, der gestorben ist, in einem Krankenhaus, und seltsamerweise weiß ich es als Erste, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesprochen habe, und ich muss es seiner Mutter sagen und weiß nicht, wie, ich weiß einfach nicht, wie. 
Und dann, mit einem Mal, ist es meine eigene Mutter, die gestorben ist, und das ist das Schrecklichste von allem. Ich komme mit meinem Vater und meinen Brüdern von der Beerdigung nach Hause und in der Küche liegt noch ein Zettel, den sie uns geschrieben hat, und als ich ihre Schrift sehe, fühl ich mich, als könnte ich nie wieder froh werden.

Das waren nur Träume, aber ich frag mich, ob sie mir etwas sagen wollen, ob irgendwas in mir im Argen liegt und sich mir auf diese Weise mitteilt.