Schlaf, Kindlein, schlaf

Mein Kopf weiß viele Dinge.

Dass man die Frage, wie es weitergehen soll, nicht zwischen 2 und 4 Uhr nachts löst, weiß er nicht.

Worüber er nachdenkt: wie viel Geld brauche ich mindestens? Bekomm ich das im Kino? Soll ich im Kino weiterarbeiten? Soll ich mehr Geld fordern? Soll ich in die ver.di eintreten und einen Betriebsrat gründen? Wie respektvoll muss ich mit meinen Chefs reden? Wie kann man einen Streik organisieren und könnte sich den überhaupt wer leisten? Wo könnte man einen Kummerkasten aufstellen? Lohnt sich das alles, wenn ich nicht mal weiß, ob ich da bleiben will? Macht mich ein besser bezahlter Bürojob froh? Soll ich wirklich die Uni abbrechen? Wie trifft man Entscheidungen? Kenne ich wen, mit dem ich mal wieder ins Bett gehen kann, weil ich wirklich Hunger habe? Wie viel angenehmer wäre mein Leben ohne die drückenden Geldsorgen? Kann ich in meiner Stadt mit einem abgebrochenen Master eine Stelle finden, in der ich in Teilzeit genug zum Leben verdiene? Hab ich wirklich keine Lust auf das, was man Karriere nennt, oder berufliche Selbstverwirklichung? Wie lebt man denn?

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26.09./shutdown

Ich sitze verstört bei meiner Therapeutin und beschreibe, wie es mir geht (Mayday! Mayday!), und sie sagt: Das hört sich ja auch ganz schön schwierig an.
Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen: dass vielleicht wirklich alles gerade gar nicht so einfach ist. Der versprochene Arbeitsvertrag hängt seit Wochen irgendwo in einer unübersichtlichen Bürokratie fest, und ich hab Angst, mir einen anderen Job zu suchen, den ich dann wieder nicht hinkriege; aber in der Zwischenzeit weiß ich nicht, wovon ich essen soll. Ich bin nicht gut mit Geld, sowie ich es habe, zerrinnt es mir unter den Fingern. Tha. Das ist ein beständiger Druck und ich möchte, dass er weggeht – was für eine Erleichterung das wäre, so viel hängt daran. Mein schlechtes Gewissen schlägt brüllend mein leichtes, sorgloses Ich zusammen, weil es impulsiv Kinotickets und eine Lederjacke und Kekse gekauft hat.

Und ich – bin das Fass, dem irgendwas den Boden ausgeschlagen hat, alles rinnt durch mich hindurch und ich bleib leer. Etwas war zu viel und ich hab’s nicht kommen sehen. Ich seh’s nie kommen. Erst als es schon so weit ist, zieh ich die Reißleine, verbringe zwei Tage am Stück im Bett, halte vier Verabredungen nicht ein, schaffe es nichtmal unter die Dusche und krieche am dritten Tag mühsam wieder nach draußen, zu meiner Therapeutin.
Das ist heute. Als ich danach durch die Stadt gehe, ist schon jeder Passant zu viel Aufruhr, kurz vorm Zerspringen krieche ich durch die Straßen, schleppe mich nach Hause und weiß: dieser Zustand muss ein Ende haben. So tief bin ich lang nicht mehr gefallen und ich kann’s mir auch nicht leisten.

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(Wie seltsam, das alles ins Internet zu schreiben, an niemanden gerichtet, für jeden sichtbar, gelesen von wer weiß, wem.)