Du musst mitmachen

Ich bin wütend, weil ich wütend bin und du nicht zurück wütend bist und es schwerer ist, wütend zu sein, wenn man die Wut nirgendwohin richten kann. Dann bleibt man drauf sitzen, und das ist gar nicht mal so bequem, weil die Wut piekst und kratzt.

Ich bleib aber nicht auf was Kratzigem sitzen, das zur Hälfte gar nicht meins ist. Ich raffe zwei Armvoll kratziger Wut zusammen und schmeiß sie dir vor die Tür, so kommt’s mir richtig vor, kannst du mal sehen, wo du das jetzt hinräumst.

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Niederlage

Mach nur so weiter, bring mich nur um, das ist ganz leicht, du wirst es gar nicht merken, du mit deinem Herzen einer kalten Schlange. Nimm doch alles, was mich froh macht, dich zuerst, und dann den Tanz und alle Menschen, es ist ja so einfach für dich, immer ist alles einfach für dich, also nimm doch, nimm, und wenn du alles hast, werde ich einfach verschwunden sein wie ein Staubkorn, das man sich rasch vom Ärmel schüttelt.
Ich hab ja nichts, um mich zu wehren, selbst zum bloßen Aushalten ist eigentlich nicht mehr genug da, denn das einzige Gegengewicht, das ich je besessen habe, war das Tanzen, und auf jedem Weg dorthin stehst du.

Ich hasse dich, du bist das Böse

Ich radel aus der Stadt nach Hause und fühl mich klein, struppig und verworren, jede Frau ist schöner und begehrenswerter als ich mit meinen Gewitterwolken, und keiner liebt mich, weil ich so bin, wie ich bin —

das ist der Zustand, in dem ich an ihm vorbeifahre, am Straßenrand steht er und redet mit einer Frau, der er tröstend über den Arm streicht, ganz Lächeln (und wir erinnern uns: er hat ein wundervolles Lächeln) und Charme (und wir erinnern uns auch: er kann so charmant sein), ich hör seine Stimme und irgendeinen halben Satz, den sie spricht (und wir wissen noch: was für eine schöne, tiefe Stimme er hat, und wie freundlich er sprechen kann), er ist ein! Bild! von! einem! Mann!, und ich hasse ihn.
Ich hasse, dass er unzerstörbar ist, so sicher in seiner prachtvollen, glänzenden Hülle, ich hasse, wie freundlich er zu mir wäre, wenn ich ihn jetzt anspräche, souverän und gönnerhaft, ich hasse, wie viel es mir ausmacht, ihn da zu sehen, ich hasse, dass ich mir wünsche, er würde mir nachkommen, ich hasse, dass ich mich ihm immer noch unterlegen fühle, obwohl ich weiß, dass er ein schlechter Mensch ist, ich hasse, dass ich eine Stunde später noch immer an ihn denke.

Beim Heimkommen ist mir schlecht.

 

 

Versager

Tja, sagt Grumpy.

Ich sage nichts. Seit gestern Abend schweigen wir uns an, weil ich nicht ein Wort von ihm ertragen könnte. Ich habe ihm gewaltsam das Maul gestopft und trotzdem geheult.
Heute Morgen müssen wir aber reden, daran führt kein Weg vorbei, wir wissen es beide und gucken uns nervös an (und schnell wieder weg).

Also, sagt Grumpy schließlich. Du hast verloren. Ist so.
Er meint mein Treffen mit dem Typ aus meiner Schulzeit, und irgendwie hat er Recht:

Du hast mich schikaniert, habe ich zu dem Typen gesagt. – Also daran erinner ich mich nicht, sagt er. Du hast da irgendwas auf dich bezogen und falsch verstanden. Ehrlich, in meiner Erinnerung haben wir überhaupt kein Verhältnis zueinander, das hier ist das erste Mal, dass wir überhaupt miteinander reden.

Grumpy genießt das. Vielleicht hat er ja Recht, sagt er. Vielleicht ist einfach deine Erinnerung falsch. Kann ja passieren, nach so langer Zeit, vielleicht warst du einfach zu empfindlich, also ich fand ihn jedenfalls ganz überzeugend. Denk mal drüber nach.

Bist du bescheuert?!, rufe ich, aber es klingt klein und verzweifelt. Es kann gar nicht sein, dass ich mir alles ausgedacht habe. Meine Mutter hat sogar irgendwann seine Mutter angerufen, damit das endlich aufhört, das ist der Beweis.

Vielleicht, sagt Grumpy hämisch, aber er musste es nur abstreiten, und schon hast du dir selbst nicht mehr geglaubt. Du bist nämlich immer noch ein kleines, verunsichertes, hilfloses Kind, das seinen Standpunkt nicht verteidigen kann. Er ist immer noch stärker als du!

Er ist einfach ein größerer Idiot als ich, sage ich wütend. Er ist ein aufgeblasenes, ignorantes Arschloch, das nur sieht, was es sehen will. Ich bin ein viel coolerer Mensch als er.

Ja, spottet Grumpy, aber davon hat er nichts mitbekommen gestern. Du konntest ihm ja nicht mal erklären, worum es ging. Du hast verloren, sieh’s ein.

Ich sage nichts. Ich will nicht verloren haben, aber es fühlt sich genau danach an.

Ach ja, sagt Grumpy, und du hast ihn nichtmal zur Rede gestellt, weil du fast eine Stunde an dem hässlichen Kackbahnhof auf ihn warten musstest. Früher hast du so wenig existiert für ihn, dass er nichtmal gemerkt hat, wie er auf dir rumgetrampelt ist, und gestern hast du ihn einfach weitertrampeln lassen. Für ihn bist du immer noch kein richtiger Mensch, mit dem man anständig umgehen müsste, und das lässt du einfach mit dir machen. Du bist kein bisschen weiter als damals.
Grumpy schüttelt verächtlich den Kopf und dreht sich weg, und ich hab nichts, das ich erwidern könnte, weil ich selber nicht ganz fassen kann, was da gestern passiert ist. Berlin ist eine große, anstrengende, hässliche Stadt, und ich will zurück nach Freiburg, das mir sachte versichern wird, dass ich immer noch da bin, dass ich gar nicht so übel bin, dass mein stilles, unscheinbares Leben genauso gültig ist wie das von all den Leuten, die irgendwas Vorzeigbares machen und vorzeigbare Reisen unternehmen und Politiker beraten, obwohl sie schlechte Menschen sind.

Und jetzt.

 

Fuck this

Im Lindy Hop ist es so: es gibt Leader (meistens Männer, aber auch ein paar Frauen) und Follower (meistens Frauen, aber auch ein paar wenige Männer), das kennen wir von anderen Paartänzen, und wenn man zu einem Social geht (Tanzveranstaltung), sieht das so aus: es sind immer zu wenige Leader da, das kennen wir auch von anderen Paartänzen, und deshalb kommen die Leader gar nicht mehr von der Tanzfläche, während rundherum mindestens ein Dutzend traurige Follower sitzen, die auch gern tanzen würden. Sie trauen sich nicht, jemand aufzufordern, oder kommen gar nicht erst dazu, weil man sich dafür ganz schön offensiv auf die paar Leader stürzen muss, bevor jemand anders schneller ist. Das liegt nicht jedem. Nicht jeder, denn die traurigen Leute außenrum sind ja nur Frauen.

Gestern war das letzte Social für dieses Jahr und alle haben sich drauf gefreut, ich auch, und dann finde ich mich unter den traurigen Frauen am Rand wieder und denke, das darf nicht wahr sein.
Du kannst doch auch jemand auffordern, wendet ihr ein, und dazu sage ich: Ja, ich kann, und ja, mache ich – aber: Ich muss das nach jedem Lied neu machen, und es fällt mir verdammt schwer, und an manchen Abenden bin ich nicht in der Verfassung, mich alle vier Minuten neu zu überwinden zu etwas, das mir nicht wirklich entspricht. Und ich bin damit nicht allein, sonst würden die traurigen Frauen am Rand nicht den ganzen Abend genau da sitzen.
Ein Leader, mit dem ich drüber rede, sagt: Fällt mir auch auf, und dann lacht er, Aber ich steh auf der anderen Seite, ich kann einfach die ganze Nacht durchtanzen – und weg ist er, auf der Tanzfläche, und ich bleib am Rand stehen.
Eine Leaderin, mit der ich drüber rede, sagt: Ich hab als Follower angefangen und genau deswegen die Tanzrolle gewechselt. Man fühlt sich so abhängig. – Damit trifft sie’s auf den Punkt.
Dabei mag ich es, als Follower zu tanzen – es ist intuitiv und leicht und macht mir Spaß, aber wenn es mit dieser bescheuerten Abhängigkeit einhergeht, muss ich jetzt halt Leader lernen. Keine Ahnung, ob ich darauf Lust habe, aber ich bin doch kein blödes Mauerblümchen, das drauf wartet, von irgendwem gepflückt zu werden.
Und wenn ich halbwegs Leaden kann, kann ich wenigstens ein paar von den anderen traurigen Frauen am Rand retten.

 

PS: Ein Leader, den ich gestern aufgefordert habe, hat mich eiskalt abblitzen lassen. Dafür kommst du in die Hölle, Arschloch.