Patt

Mein Türöffner ist kaputt. Nachdem ich versucht hab, es nicht schlimm zu finden, jedes Mal vom vierten Stock aus an die Haustür zu gehen, hab ich doch der Hausverwaltung geschrieben. Wir beauftragen einen Techniker, sagt sie. Der Techniker versucht mich anzurufen, aber ich kann nicht gut ans Telefon gehen, wenn mich unbekannte Handynummern erreichen wollen. Die Hausverwaltung schreibt mir: Der Techniker erreicht Sie nicht, bitte melden Sie sich bei ihm unter folgender Nummer. Ich überwinde mich und rufe an. Er sagt, er kann erst kommen, wenn er weiß, ob woanders im Haus auch der Türöffner kaputt ist und es an der ganzen Anlage liegt. Er sagt, ich soll rumfragen. Ich sage, OK, mach ich, und denke, das wird nichts. Ich kriege es auch wirklich nicht hin, bei meinen Nachbarn zu klingeln außer einmal, da macht aber niemand auf, und jetzt weiß ich nicht, was ich dem Techniker sagen soll, oder der Hausverwaltung, weil das lauter lebenstüchtige Leute sind, die bestimmt kein Verständnis haben, wenn ich sage, dass es mir aus keinem objektiven Grund leider nicht möglich ist, bei meinen eigenen Nachbarn zu klingeln.

Ich bin immer noch da, scheinbar

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Das ist ein Ausschnitt aus meiner Wohnung. Tröstlich zu denken, dass selbst jetzt ein Teil meines Lebens so friedlich aussieht.

Herz und Heim, ein Bollwerk

Ich gieße die Blumen meiner Freundin. Ihre Wohnung ist schön und voller Dinge. Ich beneide sie.
Ihre Dinge sind nicht mehr wie meine: improvisiert, gebraucht, nicht ganz passend. Ihre Dinge passen ganz genau. Sie sind schön, hochwertig und sie funktionieren. Manche davon – immer mehr davon – waren teuer. Viele sind sehr erwachsen: ein Hochbeet, ein Reiskocher, ein Mann.

Manchmal sage ich, dass meine Freundin spießig ist, aber diese Wohnung mit ihren vielen Dingen atmet gelassene Beständigkeit, ausgesuchte Behaglichkeit, sie ist gefeit vor den banalen Anwürfen des alltäglichen Lebens draußen: ich würde mir auch gerne so etwas geben können.

Till you come back to me that’s what I’m gonna do

Ich bringe meine Freundin zum Zug nach Brasilien. (Ja, solche Züge gibt es, das hier ist einer.)
Wie werden die sechs Wochen für dich?, fragt sie, und ich rede irgendwas von Arbeit, an mir und an meinem Masterabschluss, das ist gar keine richtige Antwort.
Die fällt mir erst später ein, nach unserer langen Umarmung am Bahnsteig, als ich zum Sammeln in der Sonne sitze: ich werde Blumen auf meinem Balkon wachsen lassen und in den Himmel gucken, ich werde Anne Blunt besser kennenlernen und mir von ihr die Wüste beschreiben lassen und die Pferde, die es dort gibt (und wenn meine Freundin wiederkommt, vielleicht beschreibt sie mir dann den Urwald), ich werde tanzen, lachend und weinend, aber unter freiem Himmel, ich werde im See schwimmen und die Welt auf meiner Haut spüren, fotografieren werde ich und meinen Brieffreund besuchen, der böse auf sie ist, weil er Brasilien zu gefährlich findet, ich werde Nähe und Gefühle zulassen, die zuzulassen sie mir beigebracht hat, ich werde zu Menschen ein bisschen mehr so sein, wie ich es von ihr gelernt habe, und dann, in sechs oder sieben Wochen, wird alles ein bisschen mehr gewachsen sein, die Blumen, die Gefühle und ich.

(Und ja, o ja, ich werde sie so vermisst haben, wenn sie wieder kommt.)