Damit will ich sagen

Im Feedbackgespräch lasse ich mir von meiner einen Kollegin erzählen, was ich alles schon toll mache und was ich noch verbessern kann. Beides löst Widerwillen in mir aus, das eine, weil ich nicht für etwas gelobt werden möchte, das ich lächerlich finde, von Menschen, die ich in ihrer Position nicht respektieren kann; das andere, weil das keine Dinge sind, die ich besser machen möchte, sie sind irrelevant für mein Leben.

Dann erzählt die andere Kollegin mir, was aus ihrer Sicht toll an meiner Arbeit ist. Da wir nie zusammenarbeiten, zählt sie lauter Sachen auf, die sich so zusammenfassen lassen: Es ist toll, dass du jeden Tag da bist. Im Grunde sagt sie mir also nur, dass ich meinen Arbeitsvertrag einhalte, und ich höre ihr zu und lächle und nicke und frage mich, ob sie denkt, ich merke nicht, was das für hohles Gerede ist, oder ob sie’s selber gar nicht weiß.

Danach bin ich dran und erzähle beiden, warum ich in letzter Zeit überhaupt nicht gern zur Arbeit gehe, warum ich mich unwohl fühle und was mich nervt. Das hören sie sich an und scheinen es auch irgendwie ernst zu nehmen, beteuern, dass sie wollen, dass ich mich besser fühle, und nachdem ich ihnen erzählt habe, wie viel Stress sie in den Telefonisten auslösen, stressen sie uns am nächsten Tag im selben Tempo weiter. Nicht, dass ich viel anderes erwartet hätte.

Ich muss da dringend weg. Ab Januar soll ich in der Marketing-Abteilung mit anfangen und weiß nicht, was ich da soll – ich kann keine tollen Sachen über ein Unternehmen schreiben, das ich von innen und außen dermaßen beknackt finde. Ich kann und will mich nicht verstellen, aber wenn ich Nein sage, hab ich Angst, dass sie mich rausschmeißen. Nur, Januar ist so bald und nie im Leben weiß ich dann schon, wo ich stattdessen hin soll.

Vielleicht kein Wunder, dass ich aufwache, wie ich aufwache, schwermütig.

All work and no play

Mein aktueller Job gibt mir Stabilität und ein okayes Einkommen dafür, dass ich nur 50% arbeite. Aber er bedeutet, dass ich vier Stunden am Tag etwas mache, das ich dumm, sinnlos, fragwürdig und langweilig finde. Zudem ist der Druck ganz schön hoch – ich werde permanent kontrolliert, habe praktisch keine Verantwortung oder Entscheidungsfreiheit und bin saumäßig unzufrieden, weil ich ein kluger Mensch bin und es HASSE, irgendwem so dermaßen untergeordnet zu sein. Flache Hierarchien am Arsch.

Du sagt und meine Eltern sagen auch: Behalt den Job. – Vernünftig! Aber ich möchte nicht vier Stunden täglich im Widerspruch mit mir selbst leben. Was ich möchte, ist, beim Chef persönlich zu kündigen und ihm zu sagen, dass ich zu cool für sein dummes Unternehmen bin.

Davon hält mich die Frage ab, was ich denn sonst machen soll. Was mir überhaupt Spaß machen würde. Wovon ich leben kann. Wo ich leben soll. In meiner schönen kleinen Stadt scheinen Stellen Mangelware zu sein, wenn man ein abgebrochener Kunsthistoriker ohne Plan ist. Und von irgendwas muss ich ja leben, bis ich eine große, berühmte Künstlerin geworden bin (das könnte nie sein).

Du sagt, es wäre sinnvoll, den jetzigen Job zu behalten, statt einen schlechter bezahlten anzunehmen, wenn beide eine Übergangslösung wären. Ich würde aber lieber etwas tun, das ich weniger hassen müsste.

Mach was draus

Was soll das, ich bin nur jemand, der dreimal im Jahr einen Stift, einen Pinsel in die Hand nimmt, aber ihr erwartet, dass ich mich hinstellen soll und sagen: Künstlerin, das bin ich, und jetzt bezahlt mich dafür, mich, und nicht die anderen. Wie soll ich mir das anmaßen?

Hansine Dampf

Was ich schon alles für Geld gemacht habe:

Zeitungen ausgetragen, na klar, Motorenteile kontrolliert und verpackt, Preistafeln von Hand gemalt, eine Hubarbeitsbühne gefahren, Essen ausgegeben, mit Menschen mit Behinderung Geschirr abgewaschen und Böden gewischt, Architekten hinterhergeputzt, Hochzeitsgäste bewirtet (mehrfach), betrunkene Mitarbeiter einer Software-Firma bespaßt, Kinosäle geputzt, Popcorn und Tickets verkauft, Wahlscheine ausgegeben, Stimmen ausgezählt, in einer Kita Geschirr abgewaschen, ein Lehrbuch illustriert, das nie gedruckt wurde, gezeichnet, Würstchen gebraten, Autos eingewiesen, Sprachstudenten begleitet, im Büro einer Kieferorthopädin völlig sinnlos Briefvorlagen formatiert, in einem anderen Büro stapelweise Unterlagen ausgedruckt, den Relaunch einer Website mitbetreut, getextet, Gehaltsabrechnungen erstellt, Anrufe angenommen, mit Kindern gebastelt, tausende von Schuhpaaren in Reihen aufgestellt, Wäschesäcke geschleppt – und Umzugskisten, Bücher gescannt, Literaturlisten erstellt, einen Hund gehütet, Mathe erklärt, Getränke verkauft, nach Diktat getippt, Briefe eingetütet, Marktstände mitbetreut, in einem Café zum schlechtesten Service der Stadt beigetragen, Garderoben besetzt, auf einer Messe Eintritt kassiert, Tagungen mitorganisiert, geputzt in einer Privatwohnung, hab ich was vergessen? – und gerade sitze ich als Aushilfssekretärin in einem Büro und beantworte brav das Telefon, um zu sagen, dass das Büro eigentlich im Urlaub ist.

Und was soll ich werden?

 

 

 

Der Ernst des Lebens

Wie soll ich leben?

Was bedeutet es, dass ich am letzten Vollzeitjob gescheitert bin?
Ich habe eine 50-Prozent-Stelle angenommen, von der ich weiß, dass sie nicht ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Schulden abzubezahlen und auch noch was zur Seite zu legen.
Ich weiß nicht, wie ich für mich selbst sorgen soll. Kann ich das? Krieg ich Wohngeld? Bin ich arm, wenn ich alt bin?

Ist das der Punkt, an dem meine Mutter – nach ihrem ebenfalls abgebrochenen Studium ungeplant schwanger – entschieden hat, mit meinem Vater zusammenzuziehen, zuhause zu bleiben und diese eine Sorge um ihre Zukunft los zu sein? Bin ich eine Wiederholung ihres Lebenslaufes, nur dass ich nicht schwanger bin und mir deshalb doch überlegen muss, wie ich selbst für meine Brötchen sorge?
Wo sollen die blöden Brötchen denn jetzt herkommen?

Ungefähr jeder findet die Idee gut, dass ich in eine psychosomatische Klinik gehe. Ich finde die Idee nicht gut, auch wenn ich keine Sachargumente dagegen habe außer dem Wunsch, ein Leben zu leben wie ein ganz normaler Mensch.
Mit einem Einkommen von 1250 Euro brutto wäre ich allerdings wohl kein normaler, sondern ein armer Mensch.

Ich weiß nicht, was richtig und sinnvoll ist. Ich bin kein ordentliches Zahnrad geworden und niemand sagt mir, wo ich sonst hinpasse, wenn ich immerzu aus der großen Maschine springe.

Half the love

Dass ich mein Studium eines schönen Faches aufgeben und mir irgendeinen Job suchen will; dass ich mich in einem lockeren Verhältnis zu einem Mann schon halbwegs einrichte, obwohl das nicht ist, was ich gesucht habe: ist das, um zu beweisen, dass ich es sowieso nicht kann?
Es: der große Wurf, der ganze Traum, alles, was ich sein könnte.

Oder, und das wäre schlimmer, bin ich überzeugt davon, dass ich mehr gar nicht verdient habe? Vielleicht gerade, weil ich es nicht kann, weil ich das große Glück gar nicht halten könnte, schließlich halte ich mich für ganz und gar unzulänglich in so ziemlich jeder Hinsicht. (Und wo ich womöglich doch mehr bin als das, hab ich zu wenig daraus gemacht, das zählt also auch nicht.)
Das ist nicht unplausibel. Damit muss man erstmal klarkommen.

05.04.

Mein Kopf ist leer, wie diese Tage leer sind, ich bin aus mir herausgefallen und kann mich nicht wiederfinden, müde bin ich immerzu und starr wie eine Eidechse in der Kälte, nachdem die Sonne so plötzlich verschwunden ist.

Dass ich nur für die nächsten zwei Monate weiß, was ich mit meinem Leben tun werde, macht mir plötzlich Angst. Wenn ich nun keine Stelle finde? Und was für eine Stelle müsste das sein, in die ich mich mit allem werfen könnte, was ich bin und kann?

Ich gucke nach Stellenanzeigen, aber die sehen alle blöd aus (ich kann doch mehr), und jetzt habe ich Bauchweh davon. Dabei muss ich das jetzt noch nicht wissen. Ich hab zwei Monate Zeit, Ideen zu haben, und noch länger, wenn ich will. Aber heute trau ich mir nichts zu, diese Woche hab ich mir sowieso noch sehr wenig zugetraut.
Unten auf dem Platz rennt ein Kind die ganze Strecke quer über den großen Platz, um eine einzelne Taube aufzuscheuchen, und dann rennt es weiter, um sie wieder von dort aufzuscheuchen, wo sie sich jetzt hingesetzt hat Es rennt sehr viel und sehr aussichtslos, aber ungeheuer zielstrebig, und ich denke, wenn ich nur halb so entschlossen wäre wie dieses Kind — !

Ich bin in die Bibliothek gekommen und hab beim ersten Blick auf mir gemerkt, dass ich heute keine Menschen vertragen kann, heute bin ich nicht richtig, in Dissonanz mit allen andern.