05.04.

Mein Kopf ist leer, wie diese Tage leer sind, ich bin aus mir herausgefallen und kann mich nicht wiederfinden, müde bin ich immerzu und starr wie eine Eidechse in der Kälte, nachdem die Sonne so plötzlich verschwunden ist.

Dass ich nur für die nächsten zwei Monate weiß, was ich mit meinem Leben tun werde, macht mir plötzlich Angst. Wenn ich nun keine Stelle finde? Und was für eine Stelle müsste das sein, in die ich mich mit allem werfen könnte, was ich bin und kann?

Ich gucke nach Stellenanzeigen, aber die sehen alle blöd aus (ich kann doch mehr), und jetzt habe ich Bauchweh davon. Dabei muss ich das jetzt noch nicht wissen. Ich hab zwei Monate Zeit, Ideen zu haben, und noch länger, wenn ich will. Aber heute trau ich mir nichts zu, diese Woche hab ich mir sowieso noch sehr wenig zugetraut.
Unten auf dem Platz rennt ein Kind die ganze Strecke quer über den großen Platz, um eine einzelne Taube aufzuscheuchen, und dann rennt es weiter, um sie wieder von dort aufzuscheuchen, wo sie sich jetzt hingesetzt hat Es rennt sehr viel und sehr aussichtslos, aber ungeheuer zielstrebig, und ich denke, wenn ich nur halb so entschlossen wäre wie dieses Kind — !

Ich bin in die Bibliothek gekommen und hab beim ersten Blick auf mir gemerkt, dass ich heute keine Menschen vertragen kann, heute bin ich nicht richtig, in Dissonanz mit allen andern.

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14.03./Wie es weiter geht

Irgendwie ist das ein schönes Datum: 14 klingt frisch und März auch, ein frischer Tag in einem noch jungen Jahr, Frühling, Aufbruch, Möglichkeiten, ein verheißungsvolles Datum, zartgrün und hellrot.

Ich sitze in der UB und hege Zweifel. Neben mir sitzen zwei zweifellose Mädchen, die mindestens fünf Jahre jünger sind als ich und ihren shit so sehr together haben (in zwei Sprachen), dass ich mich daneben ganz klein fühle. Wenn die so alt sind wie ich, haben sie schon drei Jahre Berufserfahrung in irgendeinem lukrativen Bereich, nachdem sie ihr Studium mit Auslandserfahrung als Jahrgangsbeste abgeschlossen haben, denn schließlich haben sie immer schon gewusst, was sie vom Leben wollen. Und wie man da hinkommt, und zwar schnell, bittesehr, keine Zeit verschwendet, mit 30 muss das zweite Kind in trockenen Tüchern sein.

Ich will kein zweites und auch kein erstes Kind, ich will eher, dass all diese Fragen und Zweifel und Unsicherheiten endlich verschwinden, ich will mir von meinem eigenen Geld was Schönes kaufen können und vor allem will ich mich nicht mehr erklären, weil nach fünf Minuten vernünftiger Einwände meine Erklärungen eigentlich nur auf „ich will nicht, weil es sich grässlich anfühlt“ herauslaufen, und dass man sich grässlich fühlt, ist in dieser Welt kein gültiger Grund für Entscheidungen.

Eigentlich möchte ich nur in den Arm genommen werden von irgendwem, mit dem ich nicht über all das reden muss. Drüber reden macht mich müde und traurig. Ich bin müde und traurig, seit ich gestern bei der Arbeit mit zwei Kolleginnen drüber geredet hab.

 

Blasen steigen lassen

Ich höre von Traumreisen und fantastischen Romanzen und kreativer Selbstverwirklichung und denke, ich mach gar nichts, ich bleib immer nur da und züchte kleine Blumen auf meinem kleinen Balkon und hab mich immer noch nicht entschieden, was ich mit meinem Leben machen will, ich lese halbherzig über Anne Blunt und denke halbherzig darüber nach, was ganz anderes zu machen, ich bin ein kleiner stummer Fisch und hab mir die einzige Stelle im Strom gesucht, an der das Wasser still steht. Kann mich nicht entscheiden!, sage ich zu den anderen Fischen, die auf den buntesten Wellen an mir vorbeischwimmen und mich fragend angucken.

Die Große Verwirrung

Ich telefoniere mit meinen Eltern und die sagen aus heiterem Himmel: Du musst doch nicht fertig studieren, wenn es halt nicht klappt.

Erstens ist das neu aus dem Munde meiner Eltern, zweitens war ich an dem Punkt schon genau vor einem Jahr. Was mach ich jetzt? Wer bin ich, und was soll ich?

16.08.

Das Leben ist so groß. Schon meine kleine Wohnung ist ein Universum an Dingen, auf die ich achtgeben muss, und erst die Welt da draußen! Ich muss ganz langsam gehen, damit ich nichts von dem fallen lasse, was ich mit beiden Armen gerade eben tragen kann, aber manchmal möchte ich allen Mut verlieren, so weit ist der Weg, so viel will ich mitnehmen.

 

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Was für Zukunft?

Winter im Schwarzwald; Foto: Juliane Jastram

Ich gucke mal, was es in dieser Stadt so für Stellen gibt für Leute, die nix g’lernt ha’m: wenn ich jetzt der Uni Lebewohl sage, könnte ich einem fünftklassigen Fotografen assistieren. Oder in einem Schreibwarenladen arbeiten. Immerhin mag ich Schreibwaren. Ich könnte für diverse Unternehmen Sachen von A nach B fahren. Ich könnte – tada! – Taxifahrer werden.

Im Moment denke ich: alles besser als das, wie es ist. Bereu ich das dann? Und wann?

Vati wünscht sich was Anderes für seine kluge Tochter. Sie hätte Journalistin werden sollen, Auslandskorrespondentin am besten, sie spricht doch so viele Fremdsprachen und schreibt so gut, Sprache ist einfach ihr Ding, schon in der Grundschule war das so, außerdem finanziert er ihr jetzt das achte Jahr an der Uni, das kann doch auch nicht für die Katz‘ gewesen sein.

Die kluge Tochter weiß, dass sie klug ist und viele schöne Sachen kann. Aber sie hat gerade wirklich keinen Mut und keine Nerven und was man so braucht, um irgendwas ganz Tolles zu machen. Gerade geht’s eher ums Überleben. Zumal man die ganzen schönen Begabungen ja auch gepflegt haben muss, um irgendwen davon zu überzeugen, dass er einen fürs Begabtsein bezahlt, und ich hab gar nix gepflegt.

Ich weiß nicht, was ich machen soll.