All work and no play

Mein aktueller Job gibt mir Stabilität und ein okayes Einkommen dafür, dass ich nur 50% arbeite. Aber er bedeutet, dass ich vier Stunden am Tag etwas mache, das ich dumm, sinnlos, fragwürdig und langweilig finde. Zudem ist der Druck ganz schön hoch – ich werde permanent kontrolliert, habe praktisch keine Verantwortung oder Entscheidungsfreiheit und bin saumäßig unzufrieden, weil ich ein kluger Mensch bin und es HASSE, irgendwem so dermaßen untergeordnet zu sein. Flache Hierarchien am Arsch.

Du sagt und meine Eltern sagen auch: Behalt den Job. – Vernünftig! Aber ich möchte nicht vier Stunden täglich im Widerspruch mit mir selbst leben. Was ich möchte, ist, beim Chef persönlich zu kündigen und ihm zu sagen, dass ich zu cool für sein dummes Unternehmen bin.

Davon hält mich die Frage ab, was ich denn sonst machen soll. Was mir überhaupt Spaß machen würde. Wovon ich leben kann. Wo ich leben soll. In meiner schönen kleinen Stadt scheinen Stellen Mangelware zu sein, wenn man ein abgebrochener Kunsthistoriker ohne Plan ist. Und von irgendwas muss ich ja leben, bis ich eine große, berühmte Künstlerin geworden bin (das könnte nie sein).

Du sagt, es wäre sinnvoll, den jetzigen Job zu behalten, statt einen schlechter bezahlten anzunehmen, wenn beide eine Übergangslösung wären. Ich würde aber lieber etwas tun, das ich weniger hassen müsste.

Ein störrisches Wildpferd

Wir müssen reden, sage ich zu Du.

Ich habe Fragen wie: Liebe ich dich oder die Version von mir, die ich bei dir sein kann? Sind meine Gefühle für dich so groß, dass ich deine Eltern kennenlernen, dich meinen festen Freund nennen oder in die Zukunft planen will, und wenn die Zukunft nur heißt: Silvester feiern?

Ich weiß, dass ich nicht verliebt in Du bin und es von Anfang an nicht war. Ich weiß, dass ich gerne mit ihm Zeit verbringe und ihn sehr, sehr respektiere. Ich weiß, dass er Dinge kann – reden, zum Beispiel, über Gefühle – , die ich von einem Partner brauche, aber bislang bei Männern selten gefunden habe. Ich weiß eine Menge Dinge, die gut sind zwischen ihm und mir, aber es knistert nicht, nicht in mir, und ich weiß nicht, ob der Rest genug ist.
Auf diesen Rest freilich könnte man bauen, Leben oder Häuser oder eine Stadt, aber ich bin weicher als Steine und Mörtel, ich möchte mich schlängeln und ranken und wuchern und eine ebenso schöne Ranke finden, um die ich mich winden kann. Du aber kommt mir vor wie ein Felsblock oder ein ruhiger Flecken Erde.

Will ich das.

Macht euch keine Sorgen

Es ist nichts übrig geblieben: Hier ist öde Dunkelheit, selbst der Wind ist gestorben.

Ich weine und höre Du sagen: Wenn du meinst, dass du nichts kannst, dann kannst du eben nichts, und ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ich mich zusammenreiße, um der Beleidigung zu begegnen. Ich reiße mich zusammen, ich bin stark.

Es ist anstrengend, die ganze Zeit stark zu sein. Was ist das für ein Leben, das verschwindet, wenn ich aufhöre stark zu sein? Hätte ich nicht gnädigerweise ein anderer Mensch werden können? Wozu mir Verstand und Talent mitgeben, wenn ich nichts davon benutzen kann, weil Überleben alles ist, wohin ich reiche?

Ich weine, und mein Weinen ist nutzlos, weil ich morgen aufstehen und arbeiten werde und am Wochenende werde ich tanzen, ich werde unter Menschen sein wie ein Mensch, und für alles davon werde ich mich sehr stark machen müssen, aber ich bin so klein und die Welt tut so weh. Vielleicht ist das hier alles, vielleicht wird es nie leichter, oder schöner, oder besser. Das sagt man nicht laut, weil die Menschen es nicht ertragen. Ich ertrage es auch nicht, aber ich ertrage auch die Hoffnungen nicht, die eine nach der anderen leise verwelkt sind, jetzt habe ich nachgemachte Hoffnung, die nicht echt ist. Ich habe nichts, woran ich glauben kann. Nichts fühlt sich an, als wäre es möglich, das hier ist zu wenig, aber wie soll ich an mehr kommen mit diesen schwachen Beinen und den winzigen Händen und einem Herzen, das seine eigene Existenz anzweifelt.

Warum muss es so sein, dass ich schöne Dinge kann, denn ich kann sie nicht benutzen und so wiegen sie wie Blei, und was soll ich jetzt tun, wenn fürs Tun keine Kraft mehr ist, weil ich vernünftigerweise arbeite, und Glaube und Hoffnung sind verschwunden.

Ich mag diesen Text nicht. Ich mag nicht, wie ihn manche Leute lesen werden. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, ich weiß wirklich nicht, was ich mit Sorgen anfangen soll.

Du und mein Bett

Weil „der Typ aus dem Bus“ als Begriff zu lang ist und ich anfange, ihn echt zu mögen, mache ich ihn hiermit im Blog zu Du. Du kommt mich am Mittwoch besuchen und ich muss vorher die Wohnung putzen, denn ich werde nie wieder meine Wohnung zugunsten von irgendwem vernachlässigen, indem ich dauernd auswärts übernachte. Das ist nicht gut fürs Gemüt, ich lerne aus Fehlern und lade Du zu mir ein, was bedeutet, dass wir meine Matratze von direkt unter der Dachschräge hervorpulen und auf den Boden legen müssen. Was gut für mein Gemüt ist, ist schlecht für seinen Rücken.

In den Kleinanzeigen gucke ich nach einem neuen Bett, weil ich im Moment auf vielen aneinandergeschobenen Pappkartons schlafe. In einer kleinen Dachwohnung ein stauraumstrategischer Fehler, deshalb muss ein Bett mit Schubladen drunter her. Kurz überlege ich, ob ich Dus potentieller Anwesenheit in meinem Leben Rechnung tragen und ein größeres Bett kaufen soll, aber das verwerfe ich gleich wieder. Ist immerhin meine Wohnung und wie es mit mir und ihr weitergeht, ist viel sicherer als mit mir und Du.

Du ist groß und polterig in mehr als einer Hinsicht, aber er ist auch klug und warmherzig und sensibel. Er ist nicht der toll gekleidete Mann mit Sinn für schöne Nutzlosigkeiten, der mit mir bei einer Tasse Kaffee über Malerei redet. Du trinkt keinen Kaffee und redet über andere Sachen, und ich messe ihn giftig gegen mein Idealbild, bis ich nicht mehr weiß, wie sehr ich ihn mag. Vielleicht mag ich ihn sehr, bin aber nicht hingerissen, wohingegen er sehr wohl Symptome des Hingerissenseins zeigt, was mir Angst und Bauchweh macht.

17.09.

Morgen fahre ich nach Hamburg. Vor einer Woche hatte ich einen Fahrradunfall, bei dem mir wunderbarerweise nichts passiert ist, aber ich muss mich drum kümmern, Schmerzensgeld von der Frau zu bekommen, die schuld war; ich hab weder Wohngeld noch Führungszeugnis beantragt, brauche aber beides, die Fahrkarten sind noch nicht gedruckt und gepackt hab ich sowieso noch nicht, ich habe schon wieder alles so hingeschoben, dass es mich erdrückt.
Nervös vor der Zugfahrt bin ich außerdem, und wie soll ich denn alles machen: ich bin ein so seltsamer kleiner Mensch und alles kommt mir höchst fragwürdig vor, jeder Atemzug ist wert, sorgfältig geprüft zu werden auf Nutzen und Notwendigkeit, und dann eine Zugfahrt.

 

Ich habe mich, immerhin, exmatrikuliert (ja wirklich). Vielleicht muss man nicht alles sofort machen. Vielleicht hätte ich mich nicht gleich für drei Tanzkurse anmelden müssen. Vielleicht doch. Vielleicht nicht für das Ehrenamt. Vielleicht doch. Vielleicht ist es okay, für gewisse Dinge lange zu brauchen. Vielleicht nicht. Vielleicht geht es nicht anders. Vielleicht doch. Ich weiß nichts. Ich brauche einen anderen Job.

Edel sei der Mensch

Aber wenn zwei auseinander gehen, kommt ihnen das Edle ganz schnell abhanden, so schlagen sie um sich, so werfen sie mit Dreck. Der Dreck ist hartnäckig und während ich meine Finger schrubbe, frage ich mich:

War das nötig, mussten wir das tun? Wie passt das, was zuletzt zwischen uns geschehen ist, zu dem Bild, das ich von uns habe? Wieso sind wir überhaupt hier, obwohl ich überwiegend schöne Dinge erinnere, wenn ich an unser Vorher denke? (Diese Frage lautet eigentlich: Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Wohin sind Freundschaft, Wertschätzung, Austausch, warum ist jetzt jedes Gesprächsfragment ein Stochern im Nebel, warum kennen wir uns nicht mehr? Wieso tun wir uns weh, statt einander durch den Morast zu helfen?

Warum schließt sich andauernd alles gegenseitig aus, warum konnten wir einander nicht einfach weiterhin geben, was zu geben war? (Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Bin ich allein mit dem Wunsch, dass wir uns noch einmal wirklich begegnen, um es nicht SO enden zu lassen, können wir ohne Bitterkeit sein, liebevoll? Wie viel müssen und wie viel können wir einander verzeihen?

Und: Ist es nun besser so, habe ich etwas gewonnen und nicht nur verloren, würde ich mich nicht weniger furchtbar fühlen, wenn deine Gegenwart mich weiterhin meiner menschlichen Existenz versichern würde, und wie niedrig ist dieser Beweggrund? Wie soll ich edel sein, wenn die ganze Welt eine riesige Bedrohung ist und ich, bitte, eigentlich nur einen Ort brauche, an dem es einfach okay ist.

05.04.

Mein Kopf ist leer, wie diese Tage leer sind, ich bin aus mir herausgefallen und kann mich nicht wiederfinden, müde bin ich immerzu und starr wie eine Eidechse in der Kälte, nachdem die Sonne so plötzlich verschwunden ist.

Dass ich nur für die nächsten zwei Monate weiß, was ich mit meinem Leben tun werde, macht mir plötzlich Angst. Wenn ich nun keine Stelle finde? Und was für eine Stelle müsste das sein, in die ich mich mit allem werfen könnte, was ich bin und kann?

Ich gucke nach Stellenanzeigen, aber die sehen alle blöd aus (ich kann doch mehr), und jetzt habe ich Bauchweh davon. Dabei muss ich das jetzt noch nicht wissen. Ich hab zwei Monate Zeit, Ideen zu haben, und noch länger, wenn ich will. Aber heute trau ich mir nichts zu, diese Woche hab ich mir sowieso noch sehr wenig zugetraut.
Unten auf dem Platz rennt ein Kind die ganze Strecke quer über den großen Platz, um eine einzelne Taube aufzuscheuchen, und dann rennt es weiter, um sie wieder von dort aufzuscheuchen, wo sie sich jetzt hingesetzt hat Es rennt sehr viel und sehr aussichtslos, aber ungeheuer zielstrebig, und ich denke, wenn ich nur halb so entschlossen wäre wie dieses Kind — !

Ich bin in die Bibliothek gekommen und hab beim ersten Blick auf mir gemerkt, dass ich heute keine Menschen vertragen kann, heute bin ich nicht richtig, in Dissonanz mit allen andern.